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Interview zu Alkohol und Sucht mit dem Toxikologen Prof. Florian Eyer

"Jeder achte Erwachsene hat einen problematischen Konsum von Alkohol"

Das Bier zum Feierabend oder ein Glas Wein mit Freunden - Alkohol ist oftmals Teil des sozialen Lebens. Aber welche Wirkung hat dieser Stoff eigentlich auf unseren Körper? Und warum geraten manche Menschen in die Sucht? Im Interview erklärt Prof. Florian Eyer, Professor für Klinische Toxikologie am Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München, wie Alkohol auf unser Gehirn wirkt und warum er süchtig macht.

Wie häufig pro Woche werden bei Ihnen Personen mit Alkoholvergiftung eingeliefert?

Florian Eyer: Alkoholvergiftungen gehören bei uns leider zum Tagesgeschäft.


Wie wirkt Alkohol eigentlich auf unseren Körper?


Eyer: Alkohol wirkt auf zwei Arten auf das Zentralnervensystem. Zum einen aktiviert er das Belohnungssystem im Gehirn, das normalerweise von körpereigenen Substanzen wie Dopamin oder den Endorphinen („Glückshormonen“) angeregt wird. Somit hat Alkohol eine belebende und stimulierende, aber auch eine entspannende Wirkung – die von vielen Konsumenten gesucht wird.

Zum anderen besetzt Alkohol in unserem Gehirn die gleichen Rezeptoren wie u.a. Schlafmittel. Deshalb macht er auch müde, wirkt beruhigend, einschläfernd oder sogar sedierend. Diese beiden Mechanismen sind dosisabhängig: bei geringen Dosen treten eher die belebenden Effekte auf, bei großen Mengen die einschläfernden.

Auch die Koordinationsfähigkeit leidet sehr schnell, auch wenn wir selbst die Wirkung noch gar nicht wahrnehmen. Bei chronischem Missbrauch entstehen auch körperliche Schäden in der Leber und in anderen Organen, vor allem durch das Abbauprodukt Acetaldehyd.


Wie erkenne ich, ob mein eigenes Trinkverhalten noch normal ist?


Eyer: Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt für einen risikoarmen Konsum, dass Männer in ihrem Alkoholkonsum unter 20 g reinem Alkohol (Ethanol) pro Tag bleiben sollten – das entspricht etwa einem halben Liter Bier. Frauen sollten nicht mehr als 10 - 15 g reinen Alkohol pro Tag konsumieren. Wenn Personen unter dieser Schwelle bleiben, ist es bei der Mehrheit der Menschen wenig wahrscheinlich, dass sie alkoholbedingte, gesundheitliche Schäden bekommen. Man kann aber allgemein sagen, dass kein Alkohol die beste Lösung ist. Generell wird empfohlen, pro Woche an mindestens 2 bis 3 Tagen komplett abstinent zu bleiben.


Ab wann spricht ein Experte beim Alkoholkonsum von Sucht?


Eyer: Trinken Menschen pro Tag mehr Alkohol als die WHO als Grenzwert vorgibt, bezeichnen wir das noch nicht als Abhängigkeit, aber als einen riskanten oder hochriskanten Konsum. Als Alkoholmissbrauch gilt, wenn die Person bereits gesundheitliche und/oder psychosoziale Schäden zeigt und trotzdem weitertrinkt.

Abhängig gelten bei uns Menschen, die trotz negativer gesundheitlicher und/oder sozialer Konsequenzen wie zum Beispiel Beziehungsprobleme oder Verlust des Berufs, weiter Alkohol konsumieren. Ein anderes wichtiges Abhängigkeitskriterium ist auch der Kontrollverlust – d.h. Trinken ohne eine Grenze einhalten zu können. Entzugserscheinungen und Toleranzentwicklung sind weitere Indikatoren für eine Alkoholabhängigkeit.


Wie kann eine Alkoholsucht entstehen?


Eyer: Alkohol kann sowohl körperlich als auch psychisch abhängig machen. Bei der körperlichen Abhängigkeit führt die ständige Zufuhr des Suchtstoffs dazu, dass es zu einer Anpassung im Gehirn kommt: die Rezeptoren für Alkohol werden weniger empfindlich und es werden auch weniger Rezeptoren (GABA-Rezeptoren) für den Suchtstoff ausgebildet, die für die beruhigende Wirkung verantwortlich sind. Die Folge ist, dass der Mensch eine immer höhere Dosis braucht, um dieselben Effekte zu erzielen. Auf der anderen Seite werden bei chronischer Alkoholzufuhr mehr Rezeptoren gebildet, die auf den stimulierenden Effekt des Alkohols ansprechen.

Wenn der Suchtstoff dann wegfällt, kommt es auch deshalb zu Entzugserscheinungen, weil sich das Gehirn schon körperlich auf die Droge eingestellt hat. Im Entzug braucht der Körper etwa sieben bis zehn Tage, um durch „Neuromodelling“ – also eine Umgestaltung oder Anpassung im Gehirn – wieder eine ausgeglichene Balance der Rezeptoren herzustellen.

Die psychische Abhängigkeit entsteht dadurch, dass die angenehmen Gefühle und Wirkungen oft mit dem Konsum von Alkohol verknüpft werden. Für viele wirkt er dann fälschlicherweise als „Problemlöser“ oder als „Sozialmedium“, um leichter auf Menschen zugehen zu können.

Inzwischen ist auch recht gut wissenschaftlich belegt, dass es zudem eine genetische Komponente der Sucht gibt. So reagieren bei manchen Menschen bestimmte Rezeptoren von vorneherein empfindlicher auf Alkohol als bei anderen, der Abbau des Alkohols kann sich unterscheiden und es gibt auch familiäre Häufungen von Alkoholismus.


Aus Ihrer eigenen Erfahrung: Nimmt der Missbrauch von Alkohol in der Gesellschaft zu oder ab?


Eyer: Die Zahl der Alkoholabhängigen ist über die letzten Jahre bei uns eher konstant geblieben. Wo wir vielleicht eine Zunahme sehen sind Senioren, so genannte „Spätabhängige“, die während ihres Berufslebens keine Probleme mit Alkohol hatten. Sie geraten erst nach der Pensionierung, wenn wesentliche Aspekte ihres Lebens wegfallen und sie keine feste Tagesstruktur mehr haben, in eine Sucht. In Deutschland hat immerhin jeder achte Erwachsene einen problematischen Konsum von Alkohol.


Wo können sich Betroffene hinwenden, um Hilfe oder Beratung zu bekommen?


Eyer: Erste Ansprechpartner sind sicherlich Hausärzte, die dann den Patienten weitervermitteln können. Empfohlen wird zum Beispiel einmal im Jahr einen Fragebogen auszufüllen, den so genannten AUDIT-Test (Alcohol Use Disorders Identification Test), der zeigt ob es Probleme mit Alkohol geben kann. Darin wird zum Beispiel gefragt, wie oft und welche Mengen getrunken werden oder ob Personen schon von außen auf ihren Alkoholkonsum angesprochen wurden.

Gerade in Großstädten gibt es aber eine Vielzahl von Beratungsstellen, Psychosozialen Stellen und Therapiemöglichkeiten. Wir haben auch am Klinikum rechts der Isar ein sozialpsychologisches Team aus Sozialpädagogen und Psychologen, die Patienten beraten und ihnen helfen, geeignete Therapien zu finden.

Weitere Informationen

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Technische Universität München Dr. Vera Siegler
siegler(at)zv.tum.de

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