• 29.1.2026
  • Lesezeit: 4 Min.

NewIn: Katharina Timper

„Adipositas entsteht im Gehirn“

Katharina Timper erforscht die neurobiologischen Grundlagen von Übergewicht und Adipositas. Die Endokrinologin und Professorin für Klinische Ernährungsmedizin setzt sich dafür ein, die Volkskrankheit ganzheitlich zu verstehen und zu behandeln. In einer neuen Folge von „NewIn“ spricht sie auch über ihr Anliegen, der Stigmatisierung Betroffener entgegenzutreten.

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Adipositas hat sich in den letzten Jahrzehnten zu einer Epidemie entwickelt. Weltweit sind aktuell etwa eine Milliarde Menschen von der Stoffwechselerkrankung betroffen. „Adipositas ist keinesfalls ein kosmetisches Problem“, sagt Katharina Timper. „Es handelt sich um eine chronische Erkrankung, die durch viele Faktoren bedingt wird.“ Dazu gehören genetische und epigenetische Ursachen ebenso wie Umweltfaktoren und psychosoziale Einflüsse. Meist ist dabei eine Fehlregulation auf Ebene des Gehirns verantwortlich. Die Medizinerin beschäftigt sich seit mehr als zehn Jahren mit der Stoffwechselerkrankung und ihren Folgen für die Betroffenen. 

Genauso lange setzt sie sich auch gegen die Ausgrenzung und Stigmatisierung von Menschen mit Adipositas ein. „Viele glauben fälschlicherweise, dass unser Essverhalten hauptsächlich durch den eigenen Willen gesteuert werden kann“, sagt Timper. Daraus resultiere der weit verbreitete Fehlglaube, dass Adipositas ein Selbstverschulden zugrunde liegt. Dem widerspricht die Forscherin klar: „Es sind hochkomplexe biologische Veränderungen im Gehirn, die zu einer Fehlregulation von Hunger und Sättigung und damit zu Überessen führen. Das hat nichts mit Willensschwäche und schon gar nichts mit Schuld zu tun.“

Biologische Grundlagen verstehen 

Seit 2025 ist Katharina Timper Professorin an der TUM und Ärztliche Direktorin für Klinische Ernährungsmedizin am TUM Klinikum. Mit ihrer Forschung will sie dazu beitragen, die biologischen Ursachen von Adipositas und Essstörungen auf Ebene des Gehirns besser zu verstehen. Dort steuern bestimmte Gruppen von Nervenzellen Hunger, Sättigung und das Belohnungssystem. Diese fein abgestimmten Regulationsmechanismen funktionieren bei Menschen, die mit Übergewicht und Adipositas leben, nicht mehr richtig. „Adipositas ist eine Erkrankung, die im Gehirn entsteht und die man dort biologisch angehen muss, um den Betroffenen zu helfen“, sagt die Medizinerin.

Dabei müsse die Behandlung und Betreuung der Patientinnen und Patienten immer ganzheitlich und multimodal erfolgen und von einer Ernährungsberatung und einem körperlichen Trainingsprogramm begleitet werden. Medikamentöse und operative Maßnahmen erlauben heutzutage, Adipositas effektiv zu therapieren sowie Folgeerkrankungen vorzubeugen oder erfolgreich zu behandeln.  „Durch die Behandlung kommt es zu biologischen Veränderungen im Gehirn, sodass Patientinnen und Patienten weniger Hunger verspüren, schneller satt werden und eine ausgewogenere Ernährung wählen.“

Am TUM Campus im Olympiapark baut Katharina Timper eine Ambulanz auf für Patientinnen und Patienten mit Adipositas und Übergewicht sowie Essstörungen wie Anorexia nervosa. Dafür arbeitet sie eng mit anderen Fachbereichen wie der Kardiologie, Sportmedizin, Gastroenterologie, Viszeralchirurgie, Gynäkologie sowie Psychosomatik und Psychiatrie zusammen. 

Den Stoffwechsel über die Nase steuern

Gemeinsam mit ihren Teams an der TUM und bei Helmholtz Munich untersucht die Wissenschaftlerin, wie Nervenzellen im Gehirn funktionieren und wie sie den Stoffwechsel im Zusammenspiel mit der Ernährung beeinflussen. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf flüchtigen Substanzen – etwa Duftstoffe, die über die Nase eingeatmet werden und das Hunger- und Sättigungsgefühl im Gehirn beeinflussen können. Ziel ist es,  Duftmoleküle mit stoffwechselmodulierender Wirkung zu identifizieren und diese gezielt weiterzuentwickeln. 

Gleichzeitig geht es darum, die von den Menschen ausgeatmeten volatilen Moleküle für die Diagnostik von Stoffwechselprozessen zu nutzen. So könnten künftig Informationen über den Stoffwechsel nicht invasiv und in Echtzeit gewonnen und für eine personalisierte Behandlung genutzt werden. Auf dieser Basis lassen sich möglicherweise auch neue therapeutische Ansätze entwickeln, so Timper. 

„Ich schätze die exzellenten Forschungsbedingungen, die großartigen  Kollaborationsmöglichkeiten und die sehr kollegiale Atmosphäre am Standort München“, sagt die Professorin. Ihr Ziel sei es, diesen gemeinsam mit ihren Kolleginnen und Kollegen  zu einem der größten Forschungs- und Therapiezentren für Stoffwechselerkrankungen in Europa auszubauen.

Mit dem Wissen aus der Forschung und den Möglichkeiten, die neue Behandlungsansätze bieten, ließe sich der massiven gesellschaftlichen Abwertung von Betroffenen noch besser entgegentreten, ist Timper überzeugt. „Wenn wir verstehen, was bei diesen Erkrankungen genau passiert, dann hat Stigmatisierung keinen Platz mehr.“  

Zur Person

Prof. Katharina Timper hat an der Universität Freiburg Humanmedizin studiert. Sie ist Fachärztin für Endokrinologie, Diabetologie und Metabolismus sowie für Innere Medizin. Vor ihrer Berufung an die TUM war sie am Universitätsspital Basel in der Schweiz tätig, wo sie das universitäre interdisziplinäre Adipositaszentrum, die klinische Ernährung und die Ambulanz für Essstörungen leitete. Seit Mai 2025 ist sie Professorin für Klinische Ernährungsmedizin und ärztliche Direktorin am TUM Klinikum. Seit Oktober 2025 leitet sie als Direktorin das neu gegründete Institut für Translationale Metabolismusforschung am Helmholtz Zentrum München. Zudem ist sie Sprecherin des Else Kröner Fresenius Zentrums für Ernährungsmedizin (EKFZ) an der TUM, das Konzepte zur Prävention und Behandlung von ernährungsmitbedingten Erkrankungen erforscht.

Technische Universität München

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Kontakte zum Artikel:

Prof. Katharina Timper
Technische Universität München
Professur für Klinische Ernährungsmedizin
Katharina.Timperspam prevention@mri.tum.de 

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