NewIn: Stefan Gold
Der versteckte Preis der Produktion
Wie wollen wir leben und arbeiten? Das ist die große Frage, der Stefan Gold in seiner Arbeit nachgeht. Der Wirtschaftswissenschaftler forscht und lehrt als Professor für Sustainability Management am TUM Campus Straubing. Sein Fokus liegt auf der sozialen Dimension von Nachhaltigkeit. „Ich betrachte Unternehmen aus einer Managementperspektive und frage, wie sie ihre Geschäftsmodelle und Lieferketten so gestalten können, dass sie weniger Ressourcen konsumieren und menschenwürdige Arbeit bieten“, sagt Gold.
Moderne Lieferketten, etwa in der Agrar-, Elektronik- oder Textilindustrie, erstrecken sich über viele Unternehmen in verschiedenen Ländern hinweg. Sie sind oft kleinteilig und unterliegen ständigen Änderungen, sei es durch Wirtschaftskrisen, politische Konflikte oder Kriege. Dadurch ist es schwierig, die tatsächlichen Arbeitsbedingungen nachzuvollziehen. „Wenn Produktionsschritte in andere Länder ausgelagert werden, führt das vor Ort zu neuen Arbeitsplätzen und zu Direktinvestitionen“, sagt Gold. „Auf der anderen Seite kann dies aber auch gravierende Probleme in Sachen Menschen- und Arbeitsrechte mit sich bringen. Es liegt mir und meinem Team sehr am Herzen, das ein Stück weit zu verbessern.“
Deshalb entwickelt er in einem seiner Forschungsprojekte ein Tool, um moderne Sklaverei besser aufzudecken. Damit sind ausbeuterische Arbeitsbedingungen gemeint, bei denen Menschen ihrer Rechte und Freiheiten beraubt werden, um damit persönlichen oder kommerziellen Gewinn zu erzielen. Menschenrechtsorganisationen gehen von weltweit 50 Millionen Betroffenen aus.
Mit KI gegen ausbeuterische Arbeitsbedingungen
Das Team um Stefan Gold und Prof. André Hanelt von der Universität Kassel hat dazu in einem ersten Schritt eine Datenbank mit nachgewiesenen Fällen moderner Sklaverei aufgebaut. Darin flossen Presseberichte, Forschungsartikel oder Gerichtsurteile ein. Auf der Basis dieser Daten soll im nächsten Schritt eine mithilfe künstlicher Intelligenz trainierte Software Hinweise darauf geben, wo entlang globaler Wertschöpfungsketten besondere Risiken für ausbeuterische Arbeitsbedingungen bestehen. Dies kann Gewerkschaften, Nichtregierungsorganisationen oder Unternehmen dabei unterstützen, Fälle moderner Sklaverei leichter zu identifizieren, ist Stefan Gold überzeugt. „Damit wollen wir es den Zivilgesellschaften ermöglichen, auch politisch aktiv zu werden und den Finger in die Wunde zu legen.“
Vor seinem Start an der TUM forschte Stefan Gold an der Universität Kassel und davor an der University of Nottingham. Dort untersuchte er am Beispiel der britischen Baubranche, wie Akteurinnen und Akteure aus Unternehmen, Verbänden, Zivilgesellschaft und Politik den umstrittenen Begriff der modernen Sklaverei in ihrer Kommunikation unterschiedlich deuteten und so effektive Gegenmaßnahmen in diesem Sektor erschwerten. Die Ergebnisse dieser Studie flossen in den britischen Standard zu Maßnahmen von Organisationen gegen moderne Sklaverei ein.
Werkzeuge für den Wandel
Ein zweiter Fokus von Stefan Gold ist die Kreislaufwirtschaft. Er arbeitet an Management-Werkzeugen, die dabei helfen sollen, Ressourcen möglichst effizient einzusetzen, Kreisläufe zu schließen und soziale Nachhaltigkeitsaspekte in die Geschäftsmodelle zu integrieren. „Wir analysieren, wie die Wertschöpfung erfolgt, welches Kundensegment vielversprechend ist, mit welcher Technologie man arbeiten will und mit welchen Partnerschaften. Und dabei ist es auch entscheidend, dass das Geschäftsmodell ökonomisch nachhaltig ist und somit auch umgesetzt werden kann.“
An der TUM finde er für seine Forschung ein ideales Umfeld, sagt Gold: „Am Campus Straubing dreht sich alles um das Feld Nachhaltigkeit. Hier gibt es genau diesen interdisziplinären Input aus den Natur-, Ingenieur- und Sozialwissenschaften, den wir für Forschungsfragen in diesem Bereich brauchen.“
Dass sich diese vielfältigen Perspektiven auch in der Lehre und den Studiengängen am TUM Campus Straubing wiederfinden, schätzt Gold besonders. „Mir geht es darum, den Studierenden aus der Managementperspektive Werkzeuge für heute und auch für morgen an die Hand zu geben, mit denen sie die Herausforderungen unserer Welt besser angehen können“, sagt er. „Im Grunde ist Nachhaltigkeit die aktive Gestaltung des gesellschaftlichen und ökologischen Wandels im Sinne von ‚change by design‘ anstatt ‚change by desaster‘.“
Stefan Gold hat Kulturwirtschaft an der Universität Passau studiert. Nach seiner Promotion 2011 an der Universität Kassel arbeitete er als Post-doc an der Université de Neuchâtel in der Schweiz. Von 2014 bis 2016 war er Assistant Professor am International Centre for Corporate Social Responsibility der University of Nottingham im Vereinigten Königreich. Anschließend wurde er als Professor für Nachhaltige Unternehmensführung an die Universität Kassel berufen. Seit 2025 ist er Professor für Sustainability Management am TUM Campus Straubing für Biotechnologie und Nachhaltigkeit.
- Das Projekt „Aufdeckung moderner Sklaverei in erweiterten Lieferketten: Entwicklung und Anwendung eines Machine Learning-Ansatzes“ wird gefördert durch die Hans-Böckler-Stiftung (Projektnummer: 2023-339-1).
- Die Ergebnisse der Studie „Change in Rhetoric but not in Action? Framing of the Ethical Issue of Modern Slavery in a UK Sector at High Risk of Labor Exploitation“ flossen über eine Stellungnahme von Dr. Gabriela Gutierrez-Huerter O vom King’s College London in den britischen Standard zu Maßnahmen von Organisationen gegen moderne Sklaverei ein (BS 25700:2022).
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Kontakte zum Artikel:
Prof. Dr. Stefan Gold
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TUM Campus Straubing für Biotechnologie und Nachhaltigkeit
Lehrstuhl für Sustainability Management
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