Fünf Missverständnisse über die Bildungsstudie
PISA im Faktencheck
1. PISA testet, was im Lehrplan steht.
Binomische Formeln, Konjunktiv, Photosynthese – wenn die Schülerinnen und Schüler im PISA-Test schlecht abschneiden, dann hat ihnen die Schule den Stoff aus dem Lehrplan offenbar nicht gut genug beigebracht. Diese Schlussfolgerung liegt zwar nahe, stimmt aber nicht. Denn die PISA-Studie beantwortet eine andere Frage: Können 15-Jährige, die dem Ende ihrer Pflichtschulzeit entgegensehen, grundlegende Kompetenzen in alltäglichen Situationen anwenden? „Wir fragen also kein Wissen ab. Wir untersuchen, ob die Jugendlichen die Fähigkeit haben, in der heutigen Lebens- und Berufswelt zurecht zu kommen“, sagt Prof. Samuel Greiff, Leiter des deutschen Teils der PISA-Studie und Vorstandsvorsitzender des ZIB. „Können sie beispielsweise Mathematik nutzen, um die Welt um sich herum zu verstehen?“
2. Die Studie hat zu große Lücken – sie testet ja nur drei Fächer.
Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften stehen bei der Studie im Mittelpunkt. „PISA hatte nie den Anspruch, das gesamte Fächerspektrum abzubilden“, sagt Greiff. „PISA schaut auf Basiskompetenzen und fachübergreifende Fähigkeiten, die für alle Lebensbereiche wichtig sind.“ Erstmals wird in der laufenden Studie Englisch getestet, also die wichtigste Fremdsprache. Schon seit 2012 wird jedes Mal eine weitere Kompetenz erfasst, beispielsweise kreatives Denken, kollaboratives Problemlösen oder Lernen in der digitalen Welt. Warum aber wurden Naturwissenschaften in die Studie aufgenommen und nicht etwa Geschichte? Zum einen wären geisteswissenschaftliche Kompetenzen schwerer international zu vergleichen, da sie stärker vom kulturellen Kontext abhängen. Zum anderen geht es auch im Bereich Naturwissenschaften nicht um Fachwissen wie das Periodensystem, sondern vor allem um Denk- und Handlungsfähigkeit: Können die Jugendlichen kritisch denken, Hypothesen überprüfen und logische Schlussfolgerungen ziehen? Können sie systematisch Informationen verarbeiten und die Welt naturwissenschaftlich analysieren?
3. Die PISA-Studien sind rein ökonomisch motiviert.
Profane Anwendungsfragen statt Humboldt'sches Bildungsideal: Mit diesem Fokus förderten die PISA-Studien die Ausrichtung des Unterrichts auf wirtschaftliche Verwertbarkeit und Leistungsgesellschaft – und das im Land der Dichter und Denker, so eine wiederkehrende Kritik. „Bei der Frage nach Anwendungskompetenzen geht es nicht um die Optimierung der Kinder als Wirtschaftsobjekte, sondern um ihre Möglichkeiten zur selbstbestimmten gesellschaftlichen Teilhabe“, erwidert Samuel Greiff. „Wer Texte nicht lesen und Zahlen nicht verstehen kann, der wird in kaum einem Beruf bestehen.“ Was oft unterschlagen werde: Die PISA-Studien fragen die Schülerinnen und Schüler auch nach ihrem Wohlbefinden, nach dem Schulklima, nach ihrer Unterstützung durch Lehrkräfte und Eltern – und vor allem ob ihnen der Unterricht Spaß macht und sie das Gefühl haben, die Schule vermittle ihnen wichtige Inhalte für ihr späteres Leben. Indem sie außerdem soziodemographische Daten wie Einkommen, Bildungsniveau und Zuwanderungshintergrund der Familien erhebe, ermögliche die Studie den Blick auf Jugendliche mit schlechteren Startchancen. „Welche Lernziele in der Schule erreicht werden sollen und wie der Weg dorthin aussieht, muss jede Gesellschaft für sich festlegen. Die PISA-Studien liefern dafür einen großen Fundus an Entscheidungsgrundlagen.“
4. Staaten, die vor Deutschland stehen, haben bessere Schulsysteme.
Erscheint eine neue PISA-Studie, schaut alle Welt als erstes auf die Rangliste der Staaten. Wie viele Plätze steht Deutschland vor oder hinter seinen Nachbarn? Konnten sich die Bestplatzierten vom letzten Mal oben halten? „Man sollte vorsichtig damit sein, die Liste als simples Ranking zu sehen“, warnt Greiff. Zum einen können die Unterschiede in den erreichten Punktzahlen so gering sein, dass sie statistisch nicht signifikant und deshalb nicht aussagekräftig sind. „Vor allem aber stimmt die Formel ‚Wer vor uns steht, hat das bessere Schulsystem‘ nicht pauschal – allein schon deshalb, weil PISA ja gar nicht das Gesamtsystem untersucht.“ Doch wenn man dies beachte, könne man mit dem internationalen Vergleich enorm viel lernen. Ein oft genanntes Beispiel ist Finnland. „Dort ist es selbstverständlich, dass fast jedes Kind irgendwann in seiner Schullaufbahn individuelle Unterstützung bekommt, während zusätzlicher Förderbedarf bei uns immer noch mit Stigmatisierung verbunden und schwer zu bekommen ist.“ Beim Vergleich gelte aber immer: „Eine direktes ,Copy-Paste‘ funktioniert leider nicht. Wichtiger ist es, zu schauen, was in anderen Ländern gut funktioniert, und sich davon inspirieren zu lassen.“
5. PISA kann man sich sparen – es ändert sich ja eh nichts.
„Wir waren alle frustriert, als wir die Ergebnisse der jüngsten PISA-Studie auf dem Tisch hatten“, sagt Samuel Greiff. Deutschland war auf den Stand von Anfang der 2000er Jahre zurückgefallen – oder sogar darunter. Dabei hatte sich doch jahrelang sehr viel getan. Nach dem damaligen „PISA-Schock“ wurden neue Unterrichtsmethoden eingeführt, zahlreiche Förderprogramme aufgelegt, etwa zum Ganztag, und die Ausbildung der Lehrkräfte wurde geändert. Die Ergebnisse in den PISA-Studien verbesserten sich anschließend und blieben bis Mitte der 2010er Jahre auf einem guten Niveau. „Leider hat sich dann ein wenig Genügsamkeit eingeschlichen und die ein oder andere Entwicklung wurde verschlafen“, sagt Greiff. „Förderprogramme sind ausgelaufen und zahlreiche wissenschaftliche Erkenntnisse, wie Schule erfolgreich gestaltet werden kann, wurden nicht flächendeckend umgesetzt.“ Natürlich seien auch die Bedingungen der vergangenen Jahre schwierig gewesen, vor allem aufgrund der Corona-Pandemie. „Aber was mir schon Sorge macht, ist, dass inzwischen die Hälfte der Jugendlichen berichtet, dass der Unterricht kaum etwas mit ihrem Leben zu tun hat. Wir verlieren die Schülerinnen und Schüler also und das sehen wir dann schmerzlich in einem Leistungsrückgang.“
Auch dieser zweite „PISA-Schock“ hat gewirkt. Mehrere Bundesländer haben mit Verweis auf die Ergebnisse Reformen angestoßen. Bayern etwa hat die Unterrichtszeit für Deutsch und Mathematik in den Grundschulen ausgeweitet. „Aber es wäre schon möglich, mehr aus den Studien herauszuholen“, sagt Greiff. „In Kanada wird der Unterricht seit vielen Jahren datengestützt weiterentwickelt.“ So könnte vielleicht auch ein Problem angegangen werden, bei dem sich tatsächlich seit der ersten PISA-Studie im Grundsatz kaum etwas geändert hat: Die Kompetenzen der Jugendlichen hängen in Deutschland deutlich stärker vom sozioökonomischen Status der Familien ab als in anderen Staaten. „Wenn uns PISA etwas gezeigt hat“, sagt Greiff, „dann dass beides möglich ist: hohe Leistungsqualität und Chancengerechtigkeit.“
Schon rund 20 Monate bevor die jüngste PISA-Studie im Dezember 2023 vorgestellt wurde, hat eine internationale Gruppe von Expertinnen und Experten begonnen, die Aufgaben für PISA 2025 zu konzipieren. Denn hinter dem zweistündigen Test steckt jahrelange Detailarbeit, damit die Ergebnisse aussagekräftig und international vergleichbar sind. Die Aufgaben werden mehrmals geprüft und nach Rückmeldungen aus den teilnehmenden Staaten angepasst. Dazu gehört auch ein Feldtest, bei dem Schülerinnen und Schüler die Aufgaben unter den gleichen Bedingungen wie bei der eigentlichen Erhebung bearbeiten. Anschließend werden für die repräsentative Studie die Schulen und innerhalb dieser Schulen die Teilnehmenden zufällig ausgewählt. Im Frühjahr 2025 haben in Deutschland schließlich rund 6.700 Jugendliche aller weiterführenden Schularten die Aufgaben am Computer bearbeitet und einen Fragebogen ausgefüllt. Auch Lehrkräfte, Schulleitungen und Eltern wurden befragt. Seitdem wertet das Forschungsteam am ZIB, das auch Standorte in Kiel, Frankfurt am Main und Berlin hat, die Daten aus. International koordiniert wird die Studie von der OECD, Auftraggeberinnen für den deutschen Teil sind die Kultusministerkonferenz und das Bundesbildungsministerium.
Ein Beitrag aus der dritten Ausgabe des TUM Magazins.
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