• 5.8.2025
  • Lesezeit: 4 Min.

Nachhaltiges Regenwassermanagement

Wasser für die Stadt

Durch den Klimawandel werden Trockenperioden und Starkregen immer häufiger. Wie sich Städte besser dafür wappnen und möglichst viel Regenwasser vor Ort bewirtschaften können, erklärt Brigitte Helmreich, Professorin am Lehrstuhl für Siedlungswasserwirtschaft der TUM.

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Frau Helmreich, beim Thema Klimawandel stößt man immer wieder auf das Konzept der „Schwammstadt“. Sie sprechen lieber von wasserbewusster Stadt. Was ist der Unterschied?

Brigitte Helmreich: Der Vergleich mit einem Schwamm hinkt, denn er impliziert, Wasser langfristig in der Stadt zu speichern und bei Wassermangel wieder „aus der Stadt zu pressen“. In unserer Forschung zur wasserbewussten Stadt geht es stattdessen darum, mit verschiedenen und ganzheitlich geplanten Maßnahmen, dem Gleichgewicht des natürlichen Wasserhaushalts möglichst nahezukommen. 

Wie sieht der natürliche Wasserhaushalt aus?

In unbebautem Gelände wie Wiesen oder Wäldern werden – je nach Standort – oft mehr als 80 Prozent des Regenwassers in den Böden und in den Pflanzen gespeichert und wieder verdunstet. Der Rest versickert  oder fließt ab. Das heißt, die Verdunstung macht meist den größten Teil aus. Außerdem kann sich Grundwasser neu bilden, wenn das Regenwasser versickert.

Wie ist die Situation hingegen in urbanen Räumen?

Wenn solche Gebiete nun besiedelt werden, also mit Straßen und Häusern, dann wird ein Großteil der Fläche versiegelt. Das heißt, das Wasser kann nicht mehr im Boden und in Pflanzen gespeichert werden und somit auch nicht verdunsten. Stattdessen fließt das Niederschlagswasser ab. Damit ist der Wasserhaushalt unterbrochen. Hinzu kommt, dass sich Asphaltflächen an heißen Tagen aufheizen und auch nachts nicht abkühlen. Wenn wir aufgrund des Klimawandels jetzt oft lange Trockenzeiten haben, dann fehlt es an Verdunstung durch Pflanzen und damit auch an Kühlung. Die Stadt heizt sich immer stärker auf. Zusätzlich führen die versiegelten Flächen dazu, dass die Kanalisation bei Starkregen innerhalb von kurzer Zeit überlastet ist und es zu Überflutungen kommt. Mit diesen Problemen haben Städte immer häufiger zu kämpfen.

Wie wirkt das Konzept der wasserbewussten Stadt dem entgegen?

Begrünte Fassaden und grüne Dächer sorgen dafür, dass weniger Wasser abfließt und mehr verdunstet. Versickerungsmulden entlang den Straßen oder an Gebäuden können Niederschlagswasser versickern, speichern, und verdunsten. Außerdem können Flächen, die nicht unbedingt versiegelt werden müssen, durchlässiger gestaltet werden, zum Beispiel Parkplätze. So können wir den natürlichen Wasserhaushalt fördern. 

Ein großes Thema sind auch multifunktionale Flächen, die man als Zwischenspeicher für Niederschlagswasser nutzen kann, die aber eine weitere Funktion haben. In Rotterdam zum Beispiel werden Basketballplätze gezielt überflutet, wenn es stark regnet, um die Kanalisation zu entlasten. Solche Lösungen werden immer wichtiger.  

Welche Ansätze verfolgen Sie in Ihrer Forschung?

In einem meiner Forschungsprojekte geht es um Schadstoffe, die vom Niederschlagswasser aus nichtmetallischen Dächern, also Ziegel-, Betonstein- oder Holzschindeldächern gelöst werden und dann beim Versickern ins Grundwasser gelangen können. Dort nutzen wir die Versickerungsmulden oder technische Behandlungsanlagen, um den Eintrag zu verringern. 

In einer anderen Arbeit untersuchen wir, wie sich Stadtbäume durch optimierte Standorte an den Klimawandel anpassen lassen. Wir testen, wie viel Substrat ein Baum benötigt, um in dem wenigen Platz zu wachsen, der ihm in der Stadt zur Verfügung steht und wie man es mit wasserspeichernden Materialien versetzen kann, um dem Baum über eine Trockenperiode Wasser zur Verfügung zu stellen. Ein weiteres Thema sind Zisternen, also kleine Wasserspeicher, die Pflanzen auch bei langer Trockenheit versorgen. Wir forschen aber nicht nur an solchen technischen Lösungen, sondern betrachten die Stadt zusammen mit anderen Fachdisziplinen aus einer ganzheitlichen Perspektive. 

Was gehört zu einer ganzheitlichen Sicht auf die Stadt?

Um bei dem Beispiel zu bleiben: Durch mehr und besser bewässerte Stadtbäume stärken wir nicht nur den lokalen Wasserhaushalt. Wir erhöhen auch die Artenvielfalt. Und tragen zu mehr Lebensqualität bei, weil es in der Stadt nicht mehr so heiß wird und urbanes Grün gemeinschaftlich genutzte Flächen attraktiver macht. Die Begrünung von Dächern und Fassaden passt außerdem gut zu energieeffizienten Gebäuden. So wird die Stadt insgesamt klimaresilienter. Um diese Aspekte zu berücksichtigen, kooperieren wir mit Fachleuten aus der Ökosystemforschung, der Architektur, der Landschaftsplanung und aus den Sozialwissenschaften. Und wir arbeiten mit den Behörden und den Bürgerinnen und Bürgern vor Ort zusammen. Bei der Stadtplanung müssen wir von Anfang an das große Ganze im Blick haben.

Kopenhagen oder Freiburg beispielsweise sind schon weit auf dem Weg zu einer klima- und wasserbewussten Stadt. Was können sich andere Gemeinden davon abschauen?

Viele Kommunen haben erkannt, dass Veränderungen notwendig sind. Diese kommen jedoch nicht von allein, sondern es braucht rechtliche Vorschriften, zum Beispiel für die Dachbegrünung öffentlicher Gebäude. Oft wird außerdem noch nach der Logik „möglichst billig und möglichst schnell“ gebaut. Dabei wird der langfristige Nutzen von Maßnahmen zur Begrünung und zum nachhaltigen Wassermanagement ausgeblendet. Ein Gründach hat ja nicht nur einen Umweltnutzen, sondern trägt zum Beispiel auch zur Isolation des Gebäudes bei. Hier müssen wir endlich ehrlich rechnen und die Betriebs- und Folgekosten einbeziehen. 

Weitere Informationen und Links

Brigitte Helmreich hat an der TUM Chemie studiert und hier auch promoviert. Seit 2014 ist sie außerplanmäßige Professorin am Lehrstuhl für Siedlungswasserwirtschaft und Leiterin der dazugehörigen Versuchsanstalt. Sie forscht und lehrt unter anderem zur urbanen Regenwasserbewirtschaftung. 

Die Infografik „Wasser für die Stadt“ ist in der Ausgabe 02/2025 des neuen TUM Magazins erschienen.

Technische Universität München

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Kontakte zum Artikel:

Prof. Dr. Brigitte Helmreich
Technische Universität München (TUM)
Lehrstuhl für Siedlungswasserwirtschaft
Tel.: +49 89 289 13719
b.helmreichspam prevention@tum.de 

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