Prof. Alena Buyx heads the Institute for the History and Ethics of Medicine at TUM and has been Chair of the German Ethics Council since Spring 2020.
Prof. Alena Buyx leitet das Institut für Geschichte und Ethik der Medizin an der TUM und ist seit Frühjahr 2020 Vorsitzende des Deutschen Ethikrates.
Bild: A. Heddergott
  • Covid-19
  • Lesezeit: 3 MIN

Ethikrat-Vorsitzende Alena Buyx: Unterschiede der Impfstoff-Wirksamkeit bei Vergabe berücksichtigenVerteilungsgerechtigkeit in der Pandemie

Eigentlich sollen in Deutschland aktuell vor allem Hochbetagte gegen Covid-19 geimpft werden. Was aber passiert, wenn wenige Forschungsdaten über die Wirkung neuer Impfstoffe bei Älteren vorliegen? Solche Umstände sollten eine Rolle in den ethischen Überlegungen zur Verteilungsgerechtigkeit knapper medizinischer Ressourcen spielen, sagte die Vorsitzende des Deutschen Ethikrats Alena Buyx bei der „Covid-19 Lecture Series“ der Technischen Universität München (TUM), wo sie Professorin für Ethik der Medizin und Gesundheitstechnologien ist.

„Einen Impfstoff will die ganze Welt. Und am Anfang – das war absehbar – ist nicht genug für alle da. In einer solchen Situation der absoluten Knappheit muss man eine Priorisierung vornehmen“, sagte Buyx. Die bislang verfügbaren Impfstoffe gegen Sars-CoV-2 werden in Deutschland deswegen nach einem fünfstufigen Priorisierungs-Schema verteilt. Da Menschen über 80 Jahre ein 500-fach höheres Risiko haben, schwer oder tödlich an Covid-19 zu erkranken als die junge und gesunde Bevölkerung, stehen sie momentan ganz oben auf der Verteilungsliste. Die praktische Verteilung könnte sich aber bei neuen Impfstoffen ändern.

„Der ethische Teufel steckt oft im Detail.”— Prof. Alena Buyx

Wenn es darum gehe, die gut durchdachten ethischen Leitlinien, die Buyx gemeinsam mit den Mitgliedern des Ethikrats, der Ständigen Impfkommission (STIKO) und der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina erarbeitet hatte, nun in der Praxis umzusetzen, stehe man vor enormen Herausforderungen, sagte sie. Ein Beispiel ist der am Freitag von der Europäischen Arzneimittelagentur EMA zugelassene Impfstoff der Firma AstraZeneca. Laut der STIKO liegen zur Beurteilung der Impfeffektivität ab 65 Jahren aktuell keine ausreichenden Daten vor. Buyx sagte, wenn es Unterschiede in der Wirksamkeit eines Impfstoffs bei unterschiedlichen Altersgruppen gebe, müsse dieser Umstand in die Impfstoffvergabe einbezogen werden.

Grund dafür, dass momentan vor allem Hochbetagte geimpft werden, sei der Grundsatz, dass die Gleichheit der Menschen vor dem Gesetz, aber auch ihre Unterschiedlichkeit anerkannt werden müssten. „Jemand, der ein ganz anderes Risiko hat, darf auch anders behandelt werden,“ sagte die Medizinethikerin. Dennoch müssten die praktischen Leitlinien, die sich aus dem rechtsethischen Rahmen ergeben, stetig angepasst und weiterentwickelt werden – vor allem, wenn wichtige medizinische Daten noch nicht vorlägen. „Der ethische Teufel steckt oft im Detail“, sagte Buyx.

„Wir sind auf einer ganz steilen Lernkurve.”— Prof. Alena Buyx

Das Fehlen verlässlicher Daten spiele aber auch an anderen Stellen eine Rolle, wenn es um die gerechte Verteilung von Impfstoff gehe. Etwa sei zum jetzigen Zeitpunkt nicht sicher auszuschließen, dass Geimpfte das Virus weitergeben können. Wenn klar wäre, dass jüngere Menschen ältere durch ihre eigene Impfung vor einer Ansteckung schützen können, könnte auch das die Priorisierung beeinflussen. „Wir sind auf einer ganz steilen Lernkurve“, sagte Buyx. Wichtig sei bei der Impfstoffverteilung aber vor allem, dass diese transparent, belastbar und verständlich sei, das könne Vertrauen schaffen. Dass man den Verteilungsprozess nie so gestalten könne, dass alle damit zufrieden seien, sei aber klar.

In ihrem Vortrag sprach Buyx zudem über die Triage, also das Priorisieren von Patienten mit akutem Behandlungsbedarf, wenn die medizinische Kapazität nicht ausreicht. Während die Triage in Deutschland glücklicherweise nach wie vor eine theoretische Überlegung ist, hat der Deutsche Ethikrat mit seiner Vorsitzenden Alena Buyx die Empfehlungen für die Impfstoffverteilung entwickelt, auf deren Grundlage nun politische Entscheidungen getroffen wurden. „Es ist für mich teils eine bizarre Situation“, sagte die Medizinethikerin. Seit fast 20 Jahren beschäftige sie sich mit der Verteilung knapper medizinischer Ressourcen und oft sei sie gefragt worden, warum sie sich mit einem solch theoretischen Thema befasse. Doch seit Anfang 2020 ist ihr Thema hochaktuell und könnte kaum praxisrelevanter sein.

Technische Universität München

Corporate Communications Center Lisa Pietrzyk
lisa.pietrzyk(at)tum.de

Weitere Artikel zum Thema auf www.tum.de:

Sport kann schwere Covid-19-Verläufe verhindern

Dr. Fritz Wimbauer ist Oberarzt an der Poliklinik für Präventive und Rehabilitative Sportmedizin am Klinikum rechts der Isar und Leiter der Ambulanz am Georg-Brauchle-Ring. Im Interview vor seinem Vortrag bei den Covid-19...

Prof. Percy Knolle, Direktor des Instituts für Molekulare Immunologie der TUM

„Die Infektion frühzeitig unter Kontrolle bringen“

Mit einem Online-Vortrag von Prof. Percy Knolle starten die Covid-19 Lectures am 14. April um 18.15 Uhr ins Sommersemester. Im Kurzinterview erklärt der Direktor des Instituts für Molekulare Immunologie der TUM, welche...

Covid-19: Perspektiven auf die aktuelle Forschung

Wissenschaft ist zentral, um mit der Corona-Pandemie umzugehen und sie zu bekämpfen – das hat das vergangene Jahr gezeigt. Forschende schaffen ständig neues Wissen über das Virus, sie beraten Politik und Wirtschaft in...

Prof. Lothar H. Wieler, Präsident des Robert Koch-Instituts.

„Munich Talk“ mit Präsident des Robert Koch-Instituts

Der Präsident des Robert Koch-Instituts spricht bei den „Munich Talks“ der Hochschule für Politik München / TUM School of Governance. Am 11. März gibt Prof. Lothar H. Wieler Einblicke in die Bekämpfung der Corona-Pandemie...

Frau mit Maske in leerem Flughafenterminal

Größte Datenbank zu Corona-Maßnahmen online

Eine Forschungsgruppe hat die weltweit größte Datenbank zu politischen Entscheidungen zur Corona-Pandemie aufgebaut. In „CoronaNet“ sind Informationen über rund 50.000 Maßnahmen in 195 Staaten, teils bis zur kommunalen...

Eine blonde Frau steht lächelnd an einer Wand angelehnt in einem Flur und hat die Arme verschränkt.

„Ethik muss Teil des Entwicklungsprozesses sein“

Der zunehmende Einsatz Künstlicher Intelligenz (KI) in der Entwicklung neuer Medizin-Technologien verlangt auch die verstärkte Berücksichtigung ethischer Aspekte. Ein interdisziplinäres Team der Technischen Universität...

Alena Buyx ist Professorin für Ethik der Medizin und Gesundheitstechnologien an der TUM und Vorsitzende des Deutschen Ethikrats.

„Wir brauchen Modelle für die gerechte Verteilung“

Alena Buyx ist Professorin für Ethik der Medizin und Gesundheitstechnologien an der TUM und Vorsitzende des Deutschen Ethikrats. In einer Sonderausgabe des NDR-Podcasts mit Christian Drosten spricht sie über ethische...

Alena Buyx ist Professorin für für Ethik der Medizin und Gesundheitstechnologien sowie Direktorin des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin der TUM.

Alena Buyx ist Vorsitzende des Deutschen Ethikrats

Nachdem der Deutsche Ethikrat im April 2020 neu zusammengesetzt wurde, ist Alena Buyx am 28. Mai 2020 in der konstituierenden Sitzung zur neuen Vorsitzenden des Gremiums gewählt worden. Alena Buyx ist Professorin für Ethik...

Prof. Alena Buyx

Roboter-Therapeuten brauchen Regeln

In Zukunft werden wir immer häufiger direkt mit Künstlicher Intelligenz (KI) interagieren. Ein Team der Technischen Universität München (TUM) hat jetzt erstmals systematisch untersucht, wie „verkörperte KI“ schon heute...