Der Schweizer Rechts- und Sozialwissenschaftler Prof. Urs Gasser.
Der Schweizer Rechts- und Sozialwissenschaftler Prof. Urs Gasser lehrte an der Harvard University, bevor er seinem Ruf an die TUM als Professor für Public Policy, Governance and Innovative Technology folgte.
Bild: Andreas Heddergott / TUM
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Prof. Urs Gasser im Interview über Technologie und Werte„Was braucht die Gesellschaft von uns?“

Prof. Urs Gasser ist der Gründungsdekan der neuen TUM School of Social Science and Technology und zudem Rektor der Hochschule für Politik. Im Interview erklärt er, warum Werte und Technologie untrennbar zusammengehören.

Herr Professor Gasser, was hat Sie bewogen, von Harvard an die TUM zu wechseln?

Ich habe mir nach fast 20 Jahren in den USA überlegt, wo und wie und in welchem Umfeld ich die zweite Hälfte meines professionellen Lebens verbringen möchte. Und als sich die Gelegenheit ergab, an die TUM zu kommen, nach Europa zurückzukehren, hat das einfach gepasst. Das ist genau die Art Umfeld, wo ich mich einbringen kann. Mir gefällt die Vision der TUM und ihr Verständnis der sich wandelnden Rolle der Universität in der Gesellschaft. Diese Energie hat mich angezogen, und da möchte ich auch selber ein Teil davon sein. Das finde ich extrem spannend.

Sie sind der Gründungsdekan der neuen TUM School of Social Science and Technology. Was sind hier die größten Herausforderungen?

Wir haben bei dieser Neugründung die große Chance, uns ganz grundsätzlich zu überlegen: Was ist eigentlich der Beitrag, den eine solche sozialwissenschaftliche Einheit an einer Technischen Universität leisten kann? Was braucht die Gesellschaft von uns in einer Zeit, die geprägt ist von großen Umbrüchen – vom Klimawandel bis zur Covid-19-Pandemie? Die Liste ist lang. Ich sehe hier ganz fruchtbare Möglichkeiten der Zusammenarbeit mit den technischen und naturwissenschaftlichen Schools an der TUM.

Wie können Studierende zum Beispiel der Ingenieurwissenschaften von der TUM School of Social Sciences and Technology profitieren?

Ich glaube, die Herausforderung ist zu verstehen, dass wir die notwendigen sozialen Veränderungen angesichts der Krisen unserer Zeit ganzheitlich angehen müssen. Auch technische Disziplinen müssen erkennen, dass die Technologien, die sie entwickeln, letztlich nur erfolgreich und hilfreich sein können, wenn sie soziale, politische, wirtschaftliche und ethische Aspekte integral mitberücksichtigen – im Sinne eines Human-Centered Engineering.

Ist dafür die Bereitschaft bei den Studierenden vorhanden? Die haben sich ja sehr bewusst entschieden, Physik, Luftfahrt oder Informatik zu studieren – und eben nicht Sozialwissenschaften.

Ich glaube, das Interesse ist riesig. Wenn Sie schauen, wer sich heute für Klimaschutz und soziale Gerechtigkeit engagiert, sind das dieselben Leute, die bei uns studieren. Die großen Zukunftsfragen, das gesellschaftliche Engagement, das ist die gelebte Realität unserer Studierenden. Deshalb gibt es da ein spürbares Interesse, über das eigene Studienfach hinauszublicken, und eine unglaubliche Energie. Wir als Universität müssen die Brücken und Schnittstellen bauen zwischen den unterschiedlichen Disziplinen, um die Beschäftigung mit anderen Themenbereichen leicht zu ermöglichen und diese Energie zu nutzen. Jungen Menschen gehört die Zukunft. Es ist unsere Aufgabe an der TUM, sie darauf vorzubereiten und diese Zukunft gemeinsam zu gestalten, mit der besten Forschung und den innovativsten Technologien – zum Wohle aller Menschen dieser Welt.

In der Pandemie hat man gesehen, dass Wissenschaft und Politik nicht immer gleich zusammenkommen. Woran hapert es?

Wir haben in der Wissenschaft sehr oft die Situation, dass wir in anderen Zeiteinheiten funktionieren, als die Politik ihre Entscheidungen treffen muss. Die Pandemie ist ein Beispiel, an dem man sieht, wie schwer es uns fällt, Prozesse und Logik der wissenschaftlichen Erkenntnis mit jenen der Politik abzustimmen. Ein weiterer Aspekt ist die Komplexität. Wir Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler lieben die Komplexität. Generelle Aussagen und große Politikempfehlungen sind da oft schwierig abzuleiten. Die Politik hingegen muss vereinfachen. Ihre Entscheidungen müssen kommunizierbar sein. Diese Themen beschäftigen mich. Gute Lehre allein reicht nicht, exzellente Forschung reicht nicht, wir als Universität müssen auch die verständliche Übersetzung in die Gesellschaft leisten.

Noch sind Sie ja ganz frisch an der TUM. Wie haben Sie die TUM von außen wahrgenommen? Was macht die TUM aus?

Ich habe sie von außen als eine sehr innovative Universität wahrgenommen. Das strahlt sie auch deutlich aus, sei es im Bereich Entrepreneurship, sei es bei der technischen Forschung zum Beispiel in Bereichen wie Robotik oder Quantentechnologien. Die TUM ist geprägt von zukunftsorientiertem, innovativem Gestalten, Forschen und Lehren. Viele andere Universitäten erscheinen da eher rückwärtsgewandt.

Mehr Informationen:

„Human-Centered Engineering“

Die TUM antwortet auf den rapiden gesellschaftlichen Wandel im Zeitalter der Digitalisierung und Biologisierung: Mit ihrer TUM Agenda 2030 reformiert sie die Technikwissenschaften grundlegend, indem sie sie mit Geistes- und Sozialwissenschaften zu einem „Human-Centered Engineering“ in Forschung und Lehre verbindet. Den Weg zu menschenzentrierten, gesellschaftsfähigen und vertrauenswürdigen Innovationen ebnet vor allem die grundlegende Neuausrichtung der Governancestruktur durch das neue School-System.

Dieser Artikel erschien auch im Universitätsmagazin TUMcampus 1/2022.

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Kontakte zum Artikel:

Prof. Urs Gasser
Lehrstuhl für Public Policy, Governance and Innovative Technology
TUM School of Social Sciences and Technology

E-Mail: urs.gasser(at)tum.de
Tel.: +49 151 21919138