Interview mit Jacques Biot, Präsident des neuen EuroTech Partners École Polytechnique

„Europa muss mit einer Stimme sprechen“

Jacques Biot, Präsident der École Polytechnique
Video: Jacques Biot, Präsident der École Polytechnique, im Interview. (Bild: École Polytechnique)
 

TUM im Jubiläumsjahr

Die École Polytechnique ist fünftes Mitglied der EuroTech Universities Alliance. Am Rande der gestrigen Vertragsunterzeichnung im Tschira-Forum der Technischen Universität München (TUM) sprach der Präsident der École Polytechnique, Jacques Biot, im Interview über Technologietransfer und darüber, welche Rolle die EuroTech Allianz bei der Schaffung Europäischer Universitäten spielen kann, die der französische Staatspräsident Emmanuel Macron jüngst gefordert hat.

Herr Biot, welches sind die drängendsten gesellschaftlichen Herausforderungen, die von den Technischen Universitäten adressiert werden können?

In einer Welt, die vor beispiellosen wirtschaftlichen, klimatischen, gesundheitlichen und sicherheitspolitischen Herausforderungen steht, sind Universitäten der Schlüssel zu einer friedlichen Zukunft. Kluge Regierungen haben erkannt, dass Forschung, Bildung und Unternehmertum die Grundlage für den Wohlstand von morgen schaffen können. Zu den größten Aufgaben gehören die Aufrechterhaltung des globalen Wirtschaftswachstums in Zeiten hoher öffentlicher und privater Verschuldung, die Gewährleistung einer nachhaltigen Entwicklung in Zeiten der Klimaerwärmung, die Sicherstellung des Schutzes der Bürger vor Terrorismus und die Behandlung neuer oder altersbedingter Erkrankungen. Innovation, richtungsweisende Technologien und insbesondere das Industrial Internet sind entscheidende Instrumente, um diesen Herausforderungen zu begegnen und Wohlstand zu gewährleisten. Während Forschung als Quelle des gesellschaftlichen Fortschritts geschützt werden muss, möchten wir unsere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vermehrt motivieren, mögliche Anwendungen ihrer Arbeit zu prüfen. Dies ermöglicht es uns, innovative multidisziplinäre akademische Programme in strategischen Bereichen wie der Energiewende, künstlicher Intelligenz, intelligente Städte, Cybersicherheit, Finanzregulierung oder im Gesundheitswesen zu entwickeln, wie wir es derzeit an der École Polytechnique tun. 

Was hat die École Polytechnique dazu bewogen, der EuroTech Universities Alliance beizutreten und wo sehen Sie die besten Erfolgschancen? 

Wir teilen die gleichen Werte und die gleiche Vision von Hochschulbildung und Forschung: Alle EuroTech Partner legen Wert auf wissenschaftliche Exzellenz, die Auswahl ihrer Studierenden und die Rekrutierung hochqualifizierter Professorinnen und Professoren. Sie bieten ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Wissenschaft und Wirtschaft. Leitmotiv der École Polytechnique ist es, innovatives Wissen zum Nutzen der Gesellschaft zu generieren und es an Studierende, Gründerinnen und Gründer und an die gesamte Unternehmenswelt weiterzugeben. Wir glauben an die Bedeutung von Wissenschaft und Innovation als wichtige Triebkräfte des Gemeinwohls und legen großen Wert auf die Arbeitsmarktfähigkeit unserer Studierenden. Auf der Basis unserer führenden Position in Frankreich und unserer Anbindung an die Nationale Forschungsagentur CNRS konnten wir unser Engagement für die Forschung als wichtigsten Motor des Wachstums weiter intensivieren. Um die internationale akademische Zusammenarbeit zu fördern und den wissenschaftlichen Austausch zu stärken, wollen wir nun gemeinsam mit vier exzellenten und forschungsstarken Universitäten eine neue Ära prägen und uns den gesellschaftlichen Herausforderungen stellen.

Was bringt die École Polytechnique in die Allianz ein und welche Schwerpunkte möchten Sie gemeinsam entwickeln? 

Die EuroTech Allianz setzt Standards in Innovation und Entrepreneurship und verfügt über ein starkes Netzwerk an Partnern aus der Industrie. Neben Lehre und Forschung ist die dritte Säule der École Polytechnique das Unternehmertum, das heute mehr denn je ein Weg ist, um aus wissenschaftlichen Erkenntnissen gesellschaftlichen Mehrwert zu schaffen. Wir haben ein Umfeld etabliert, in dem wir Unternehmertum und die Beziehungen zwischen unseren Forschenden, unseren Studierenden und der Industrie im Interesse der Gesellschaft fördern. Viele Studierende, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler möchten die Welt schneller und direkter verändern, indem sie eigene Start-ups gründen. Dies ist ein Trend, den Universitäten fördern sollten. Wir haben das mit dem der Eröffnung des Drahi X-Novation Centers getan, das eine Prototyping-Werkstatt mit umfassender Start-up-Förderung und Open Innovation großer multinationaler Unternehmen verbindet. Die Gründungs- und Unternehmensnetzwerke in der EuroTech Universities Alliance ergänzen sich in hohem Maße und decken einen wesentlichen Teil Europas ab. Als erster französischer Partner möchten wir zu diesem Projekt beitragen, das gesellschaftlichen Wandel durch den direkten Beitrag erfolgreicher Start-ups, aber auch durch die Förderung eines mutigen Geists in der Studierendenschaft vorantreibt.

Frankreichs Präsident Macron hat jüngst die Schaffung europäischer Universitäten angeregt – wo sehen sie hier die Rolle der EuroTech Universities Alliance?

Präsident Macron ist Urheber des Konzepts der europäischen Universität, und wir sind sehr stolz darauf, eine der ersten französischen Institutionen zu sein, die ihm bei diesem Projekt folgen. Wir leben in einer schwierigen Zeit, in der der Multilateralismus von einer Reihe von Regierungschefs in der Welt bedroht wird, deshalb muss Europa in allen Bereichen unterstützt werden und mit einer Stimme sprechen. Europa kann nur dann stark sein, wenn Politiker, Unternehmen und die gesamte Bevölkerung miteinander kommunizieren und zusammenarbeiten. Der Multilateralismus muss geschützt und gefördert werden, und die Universitäten sollten bei dieser Mission eine wichtige Rolle spielen. Lehre, Forschung und unternehmerische Initiativen unserer Hochschulen müssen sich weiterentwickeln, um traditionelle Strukturen mit multidisziplinären Ansätzen zu ergänzen, die auf gut identifizierte gesellschaftliche Herausforderungen ausgerichtet sind, und so Europa viel näher zusammenzubringen. Wissenschaft und Industrie erwarten von unseren Absolventinnen und Absolventen, dass sie in der Lage sind, komplexe interdisziplinäre Probleme zu lösen und gleichzeitig das Gemeinwohl zu respektieren. In enger Zusammenarbeit im Bereich der Lehre können wir hier neue pädagogische Instrumente und Kanäle zur Förderung multidisziplinärer Ansätze entwickeln und so an dem von Präsident Macron vorgeschlagenen Projekt mitarbeiten.

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