Interview mit Janina Kugel, Personalchefin der Siemens AG, beim Jubiläumssymposium der TUM

„Wir müssen in Deutschland globaler und vernetzter denken“

Janina Kugel, Arbeitsdirektorin und Mitglied des Vorstands der Siemens AG, beim Jubiläumssymposium der TUM. (Bild: Eckert /TUM)
Janina Kugel, Arbeitsdirektorin und Mitglied des Vorstands der Siemens AG, beim Jubiläumssymposium der TUM. (Bild: Eckert /TUM)

TUM im Jubiläumsjahr, Campus

Anlässlich ihres 150jährigen Bestehens hat die Technische Universität München (TUM) am 7. und 8. Juni das Internationale Symposium „Global University, Society, Labor Market - How to Shape Tomorrow's Talents” ausgerichtet. Zu Gast auf dem hochkarätig besetzten Podium war auch Janina Kugel, Arbeitsdirektorin und Mitglied des Vorstands der Siemens AG. Im Interview spricht sie über fächerübergreifendes Lernen und Arbeiten und darüber, wie deutsche Universitäten und Arbeitgeber für internationale Talente noch attraktiver werden können. 

Der Arbeitsmarkt verändert sich immer schneller – auf welche Kompetenzen schauen Sie im Recruiting heute und auf welche wird es in den nächsten Jahren vermehrt ankommen?

Der Arbeitsmarkt verändert sich, weil sich die Welt um uns herum ständig verändert. Aktuell haben wir es mit einem Strukturwandel zu tun, wie wir ihn in den letzten Jahrzehnten in Geschwindigkeit und Ausmaß nicht erlebt haben. Auslöser ist vor allem die Digitalisierung, die auch ganz neue Anforderungen an die Qualifizierung stellt – und immer wieder aufs Neue stellen wird. Insofern kommt es zwar auf die nötigen fachlichen Qualifizierungen an, beispielsweise in den Bereichen Data Analytics, Künstliche Intelligenz oder Virtual Reality.
Besonders wichtig ist aber auch die innere Einstellung, der so genannten Mindset der Bewerber. Die junge Generation muss wissen, dass eine Berufsausbildung heute nur den Einstieg in den Beruf darstellt, man sich danach aber immer weiterqualifizieren muss. Lebenslanges Lernen ist angesagt – übrigens auch für die, die schon mitten im Berufsleben stehen.

Wie können Universitäten ihre Absolventinnen und Absolventen darauf vorbereiten?

Wir werden unseren Wohlstand nur erhalten können, wenn wir das tun, was uns auch in Zukunft erfolgreich sein lässt – und nicht Festhalten an dem, was uns in der Vergangenheit erfolgreich gemacht hat. Das bedeutet für die Universitäten, dass sie ihre Lehrpläne immer wieder auf den Prüfstand stellen müssen. Neben Grundlagenwissen und aktuellen Qualifizierungsanforderungen werden künftige Qualifizierungsanforderungen immer wichtiger. Die zu erkennen, ist sicher nicht leicht, aber eine Herausforderung, die Universitäten und Studenten angehen müssen. Am besten durch eine breite Vernetzung – international und interkulturell. Denn dadurch können die Studenten abseits der Theorie praktische Erfahrungen sammeln – Erfahrungen, die Maschinen übrigens nicht ersetzen können. Es muss auch klar sein, dass sich nur in einer Fachrichtung zu qualifizieren nicht die ganzheitlichen Anforderungen eines Arbeitslebens abdeckt. Insofern würde ich mir wünschen, dass Studenten fachbereichsübergreifend lernen und arbeiten. Ein Ingenieur beispielsweise sollte auch etwas über Mitarbeiterführung lernen.

Für das Global Employability Ranking werden rund 6.000 Managerinnen und Manager weltweit nach den Universitäten mit den besten Absolventinnen und Absolventen befragt. Die TUM ist hier regelmäßig die beste deutsche Universität und auch international in der Spitzengruppe – welche Gründe sehen Sie hierfür?

Deutschland ist ein Hochtechnologieland und das Bildungssystem hat weltweit einen sehr guten Ruf. Ein wesentlicher Grund dafür ist die enge Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Wirtschaft. So profitieren Universitäten von der Marktnähe der Unternehmen und anwendungsorientiertem Expertenwissen; und die Unternehmen profitieren von der engen Vernetzung mit der akademischen Forschung sowie einem vielversprechenden Pool gut ausgebildeter Nachwuchstalente.
Die TUM ist eine der führenden deutschen technischen Universitäten und weltweit hervorragend vernetzt. Sie pflegt mannigfaltige Kooperationen mit anderen Hochschulen und Unternehmen. Beispielsweise besteht die Zusammenarbeit mit Siemens schon seit über 100 Jahren und ist damit eine der am längsten währenden Kooperationen überhaupt. Auch bei der Besetzung der Zukunftsfelder ist die TUM führend. Alle Schwerpunktthemen, die Siemens zusammen mit der TUM erforscht, sind von der Digitalisierung getrieben, beispielsweise Robotik, virtuelles Engineering, IT-Sicherheit, Cloud Computing.

Was können deutsche Universitäten allgemein verbessern, um noch näher an die britischen und amerikanischen Universitäten heranzurücken?

Wir sollten uns in erster Linie an den Bedürfnissen der jeweiligen Arbeitsmärkte orientieren und nicht an Ranglisten oder Bildungskonzepten einzelner Länder. Was in angelsächsisch geprägten Märkten funktioniert, muss nicht zwangsläufig in Deutschland gut sein. Nichtsdestotrotz gibt es Elemente, wo deutsche Universitäten aufholen können, beispielsweise in der Gewichtung von Lehrinhalten. Oder der Gewinnung von mehr ausländischen Studenten – so können wir von anderen Kulturen lernen. Wir müssen in Deutschland insgesamt globaler und vernetzter denken und uns auch überlegen, wie wir unser Land so attraktiv machen, dass hoch qualifizierte Menschen aus aller Welt bei uns arbeiten und leben möchten.

Wie gehen Global Player wie Siemens bei der Suche, Auswahl und Förderung junger Talente vor und welche Möglichkeiten der Zusammenarbeit mit Bildungseinrichtungen nutzen Sie hier?

Als Technologieunternehmen werden wir in Zukunft nur Menschen mit einer qualifizierten Berufsausbildung beschäftigen können. Aber auch Universitäten sind ein wichtiges Tor zu jungen Talenten. Deshalb haben wir ein breites, strategisch und langfristig angelegtes Netzwerk mit aktuell 25 Universitäten aufgebaut. Wir haben neue, interaktive Formate entwickelt, um an den Universitäten die Studenten direkt anzusprechen und einzubinden.
Ein wunderbares Beispiel ist der IT Security Hackathon, den wir im März 2017 auf dem TUM Campus veranstaltet haben. IT-Studenten der TUM und LMU haben in diesem Wettbewerb ein komplexes Software-Problem gelöst, das ihnen von Siemens-Entwicklern vorgestellt wurde. Rund ein Drittel der Finalisten konnte Siemens als Werkstudenten gewinnen, alle arbeiten noch heute bei Siemens. Ein weiteres schönes Beispiel ist unser IT-Mentoring-Programm, das wir seit sechs Jahren an der TUM anbieten. Derzeit haben wir etwa 15 Mentees aus zehn Ländern – die Hälfte sind Studentinnen. Alle werden ein Jahr lang von einem erfahrenen Siemens-Manager begleitet – vom Coaching über die Karriereplanung bis zum Netzwerken.
Auch die externe Wahrnehmung ist uns enorm wichtig. Im Ringen um die klügsten Köpfe – besonders in den Bereichen IT, Engineering und Softwareentwicklung – konkurriert Siemens mit IT-Größen wie Google, Microsoft, Amazon, Facebook usw. Das ist eine Herausforderung. Deshalb gehen wir auch hier neue Wege – digitale Wege. Ein Beispiel ist unsere in den sozialen Medien sehr erfolgreich laufende Employer-Branding-Kampagne #FutureMakers. Hier erzählen Siemens-Mitarbeiter aus der ganzen Welt ihre persönlichen Geschichten. Das war keine Arbeitsanweisung an die Mitarbeiter, das sind alles freiwillig entstandene Blog- und 360-Grad-Video-Beiträge. Damit geben wir Bewerbern einen authentischen Einblick in die Welt von Siemens und zeigen, wie vielfältig die Menschen sind, die bei uns arbeiten.
Um die Besten dann auch im Hause zu behalten, investieren wir eine Menge in die Aus- und Weiterbildung unserer Mitarbeiter. Jedes Jahr sind das mehr als eine halbe Milliarde Euro.

MEHR INFORMATIONEN ZUM JUBILÄUMSSYMPOSIUM: 

Keynote Speaker:
  • Fabienne Gautier, Europäische Kommission, Leitung „Open Science and European Research Area Policy“
  • Lim Chuan Poh, Vorsitzender der Singaporean Agency for Science, Technology and Research 
  • Prof. Patrick Aebischer, President Emeritus, École Polytechnique Fédérale de Lausanne
Expertinnen und Experten Panel-Diskussion
  • Jacques Biot, Präsident der École Polytechnique
  • Prof. Gerhard Casper, Präsident em. der Stanford University
  • Prof. Wim de Villiers, Rektor und Vizekanzler der Stellenbosch University
  • Prof. Günther Hasinger, Wissenschaftlicher Direktor der ESA
  • Prof. Wolfgang A. Herrmann, Präsident der Technischen Universität München
  • Prof. Peter Høj, Präsident der University of Queensland
  • Prof. Heather Hofmeister, Professorin für Soziologie mit Schwerpunkt Arbeitssoziologie an der Goethe-Universität Frankfurt am Main
  • Harald Krüger, Vorstandsvorsitzender der BMW AG
  • Janina Kugel, Chief Human Resources Officer der Siemens AG
  • Christian Müller, Abteilungsleiter Strategie beim Deutschen Akademischen Austauschdienst
  • Prof. Eliezer Rabinovici, Professor für Physik an der Hebräischen Universität von Jerusalem
  • Prof. Otmar D. Wiestler, Präsident der Helmholtz-Gemeinschaft
Programm

Programm „Global University, Society, Labor Market"