Prof. Jia Chen über ihre Klimagas-Untersuchungen während des Oktoberfests

„Mit dem Wiesn-Beginn steigt der Methan-Ausstoß“

Prof. Jia Chen
Jia Chen ist Professorin für Umweltsensorik und Modellierung an der TUM. Mit ihren Sensoren untersucht sie Methan-Emissionen auf dem Oktoberfest. (Bild: A. Heddergott / TUM)

Forschung

Jia Chen ist Professorin für Umweltsensorik und Modellierung an der Technischen Universität München (TUM). Dieses Jahr wird sie mit ihrem Team messen, wie viel Methan während des Oktoberfests auf der Festwiese ausgestoßen wird.  Im Interview erläutert Sie die Hintergründe ihres Projekts.

Frau Prof. Chen, Sie werden während des Oktoberfests den Ausstoß von Methan auf der Festwiese messen. Wie kam es zu diesem Projekt?

Wir haben vergangenes Jahr als Teil einer internationalen Studie den Ausstoß von Kohlenmonoxid, Kohlendioxid und eben auch Methan in München über einen längeren Zeitraum beobachtet. Dabei ist uns aufgefallen, dass mit dem Wiesn-Beginn der Methan-Ausstoß in der Stadt merklich angestiegen und nach dem Oktoberfest wieder auf den ursprünglichen Stand gesunken ist. Dem wollen wir dieses Jahr noch einmal genauer auf den Grund gehen.

Ist das Wiesn-Publikum an den erhöhten Werten schuld?

Nein, bestimmt nicht. Noch nicht einmal die Hälfte aller Menschen produziert überhaupt Methan, und wenn, dann nur ein paar Mikrogramm pro Sekunde, sodass selbst bei einer Rekord-Wiesn niemals die von uns gemessenen Werte erreicht werden könnten. Die drei wahrscheinlichsten Quellen für das Methan sind das Abwasser aus der Gastronomie und den Toiletten, die Gasgrills in den Festzelten und Buden, und die Gasversorgung für Grills und Heizstrahler.

Bei Methan denken viele Menschen an Gaslecks. Besteht auf der Wiesn Explosionsgefahr?

Explosionsgefahr besteht keinesfalls. Wir sprechen hier von Konzentrationen von ein paar Teilchen Methan pro einer Million Luftteilchen. Um explosiv zu sein, müsste der Methananteil mehr als tausendfach höher sein.

Warum ist eine so geringe Konzentration dann wichtig?

Methan ist  ein Treibhausgas, das die Erderwärmung beschleunigt, und zwar über 100 Jahre gemittelt 28-mal stärker als CO2. Mehr noch: Seit 2006 nimmt der weltweite Methanausstoß zu, ohne dass mit Sicherheit geklärt ist, was der Grund dafür ist. Deswegen ist es wichtig, genau zu verstehen wo und warum Methan ausgestoßen wird.

Wie genau muss man sich Ihre Messungen vorstellen?

Wir arbeiten mit zwei optischen Sensoren, die auf die Sonne ausgerichtet sind. Damit führen wir Säulenmessungen durch. Das heißt, wir messen die Menge der Treibhausgase in der Luftsäule zwischen Sensor und Sonne.

Wozu brauchen Sie zwei Sensoren?

Sehr vereinfacht  könnte man sagen: Wir stellen den ersten Sensor in Windrichtung vor der Festwiese auf und den zweiten hinter der Festwiese. Alle Treibhausgase, die vom zweiten Sensor, nicht aber vom ersten gemessen werden, müssen also vom Oktoberfest stammen. Wir haben ein Computermodell für Hochleistungsrechner entwickelt, das Wetterdaten wie Windgeschwindigkeit und Luftdruck berücksichtigt. Aus den komplexen Berechnungen dieses Modells können wir sehr viele Informationen über Treibhausgasemissionen gewinnen. Beispielsweise können wir anhand von zwei Messstationen feststellen, ob die stärksten Methanquellen nun mehr im Norden, Osten, Westen oder Süden der Festwiese liegen. Unser Ziel ist nicht, das Oktoberfest an den Pranger zu stellen. Übers Jahr gemittelt ist die Emission von anderen bekannten Quellen in der Stadt höher. Wenn wir den Ausstoß von Treibhausgasen in München und Deutschland verringern wollen, ist es aber wichtig, auch noch unbekannte Quelle aufzuspüren und an diesen Stellschrauben zu drehen.

Ist das Oktoberfest ein Einzelfall oder lässt sich daraus auch etwas für andere Länder schließen?

Volksfeste gibt es das ganze Jahr über in Deutschland und dem Rest der Welt. Wenn wir im Laufe unserer Untersuchung beispielsweise herausfinden würden, dass wir durch einfache Maßnahmen die Methan-Emissionen beim Oktoberfest senken könnten – zum Beispiel durch kleine Veränderungen an den Erdgasleitungen – ließe sich das vielleicht auch in anderen Städten anwenden. Möglicherweise lassen sich diese Maßnahmen ja auch abseits von Großveranstaltungen anwenden.  Zusammengenommen können uns auch kleine Schritte den Weltklimazielen ein ganzes Stück näher bringen.

Mehr Informationen:

Kontakt:

Prof. Dr.-Ing. Jia Chen
Professur für Umweltsensorik und Modellierung
Technische Universität München
Tel. +49 (0)89 289 23350
jia.chen@tum.de

Hochauflösende Bilder für die redaktionelle Berichterstattung:

https://mediatum.ub.tum.de/1454516