Interview mit Prof. Gunther Friedl über den neuen TUM Campus Heilbronn

„Der Mittelstand wurde stiefmütterlich behandelt“

Prof. Gunther Friedl mit Studierenden
Prof. Gunther Friedl ist seit 2010 Dekan der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften. (Bild: A. Heddergott / TUM)

Campus

Familienunternehmen, Start-ups und den digitalen Wandel will die TUM auf ihrem neuen Campus in Heilbronn erforschen, wo in diesen Tagen die ersten Studierenden starten. 13 Professuren wird die TUM School of Management mit ihrem ungewöhnlichen Profil aus „Management und Technik“ dort aufbauen, finanziert von der Dieter Schwarz Stiftung. Im Interview erklärt Dekan Prof. Gunther Friedl, was eine bayerische Universität über den Mittelstand im Südwesten herausfinden kann, was seine Studierenden in Informatikprüfungen zu suchen haben und wie an der TUM die klassische BWL aufgebrochen wird.

Die große Zahl an Familienunternehmen ist einer der wichtigsten Gründe für die TU München, in Baden-Württemberg aktiv zu werden. Was macht diese Firmen so interessant, was wollen Sie erforschen?

Wir wollen das Erfolgsgeheimnis der Familienunternehmen entschlüsseln, die ja zurecht als Rückgrat der deutschen Wirtschaft gelten. Natürlich haben wir alle ein gewisses Bild dieser Unternehmen vor Augen. Aber viele Charaktermerkmale, etwa ihre langfristige strategische Ausrichtung, sind bislang nur wenig wissenschaftlich-systematisch untersucht worden.

Die „Hidden Champions“ sind also nicht nur in der Öffentlichkeit, sondern auch in der Wirtschaftswissenschaft kaum sichtbar?

Ja, der Mittelstand wurde bislang von der Forschung stiefmütterlich behandelt. Das liegt zum Teil auch an den Unternehmen selbst, die sich eher zugeknöpft geben. Und die Hochschulen machen es sich manchmal etwas einfach und stürzen sich auf die zugänglichen Daten der börsennotierten Konzerne.

Wie wollen Sie erreichen, dass die Unternehmen sich Ihnen öffnen?

Wir wollen nicht einfach nur über sie, sondern gemeinsam mit ihnen forschen. Und wir sind überzeugt, dass die Forschungserkenntnisse sie weiterbringen können. Denn ein großes Thema wird der Wandel durch die Digitalisierung sein, die mittelständische Unternehmen viel stärker fordert als die großen. Ein DAX-Konzern kann sich das nötige Wissen zukaufen, Familienunternehmen müssen sich selbst erarbeiten, wie sie beispielsweise ihr Geschäftsmodell umstellen: Was muss ich tun, wenn ich eine Maschine nicht mehr einfach nur verkaufe, sondern sie als Teil des Internets der Dinge einsetze und damit zusätzliche Services anbieten kann?

Nicht nur Produkte und Vertriebswege sind im Wandel, sondern auch die Organisationsformen der Unternehmen, bis hin zu ihrer „Demokratisierung“.

Wir forschen an der TUM zu diesen „demokratischen Unternehmen“. Es gibt funktionierende Beispiele, für die man vor wenigen Jahren noch ausgelacht worden wäre: Die Unternehmensleitung wird gewählt, Führungskräfte wechseln sich ab, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter stimmen über Gehälter ab. Manche Familienunternehmen, in denen sich der Inhaber um die Belegschaft kümmert, aber gleichzeitig ein eher hartes Regiment führt, tun sich mit Ansätzen in diese Richtung schwerer als andere.

Was hat das mit der Digitalisierung zu tun?

Diese Entwicklung ist entscheidend durch die Möglichkeiten der neuen Technologien ausgelöst worden. Von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern wird nun erwartet, dass sie ständig ihr Wissen teilen, entsprechend vernetzt denken und selbst unternehmerisch handeln. Dafür wollen sie im Gegenzug mehr Mitsprache. Das ist übrigens ein gutes Beispiel für das übergeordnete Thema unserer Fakultät in Forschung und Lehre: die Wechselwirkung von Technologie und Management.

Ein Themengebiet, auf dem es offenbar viel zu tun gibt. Die TUM School of Management ist erst 16 Jahre alt, hat aber schon 40 Professuren und 5.000 Studierende.

Ich muss zugeben: Als ich damals von den Plänen der TUM hörte, eine Business School zu gründen, die sich allein auf das vermeintliche Nischenthema „Wirtschaft und Technik“ konzentriert, hielt ich das wie viele andere Kollegen für eine reichlich verrückte Idee. Heute wundere ich mich, dass niemand früher darauf gekommen ist. Denn es gibt – ganz ökonomisch betrachtet – einen riesigen Markt dafür.

Welche Konsequenzen hat dieses Profil für das Studium?


Kaufleute und Ingenieure sprechen verschiedene Sprachen, was in den Unternehmen Innovationen verhindern kann. Sogar aus den erfolgreichsten Weltkonzernen hören wir, dass Projekte scheitern, weil Vertrieb oder Controlling zu wenig von der Technologienentwicklung verstehen. Wir machen unsere Studierenden fit für die Realität in den Unternehmen, in der diese beiden Welten untrennbar verbunden sind.

Im Bachelorstudiengang „Management & Technology“ lernen alle BWL-Studierenden zu 30 Prozent ein Fach aus den Ingenieur- oder Naturwissenschaften.

Auch heute noch schaue ich oft in verblüffte Gesichter, wenn ich erzähle, dass unsere Studierenden in der Informatikprüfung mit demselben Anspruch bewertet werden wie ihre Kommilitonen, die Informatik als Hauptfach haben. Genauso wichtig ist aber: Auch alle Bereichen der Wirtschaftslehre beziehen wir auf die konkreten Fragen einer technisierten Welt. Mit dieser Sichtweise brechen wir die Sparten der klassischen BWL auf, weil wir der Überzeugung sind, dass man spezifische Wirtschaftsbereiche wie etwa die Energiebranche und die Gesundheitswirtschaft nicht mit demselben methodischen Ansatz über einen Kamm scheren kann.

Wie reagiert denn die Wirtschaft auf diese Philosophie?


Die Unternehmen rekrutieren unsere Studierenden, bevor diese ihren Abschluss in der Tasche haben. Profis mit Berufserfahrung bilden sich in unseren MBAs weiter. In dieser Woche ist das renommierte „QS Business Masters Ranking“ erschienen. Mit unserem Master in "Management & Technology" stehen wir hier unter den besten 20 weltweit, in Deutschland auf Platz zwei. Besonders gut schneiden wir in der Kategorie „Employability“ ab, also der Berufsfähigkeit unserer Studierenden.

Darüber hinaus motiviert und fördert die TUM ihre Studierenden, eigene Unternehmen zu gründen.

Hier gibt es eine Förderinfrastruktur, die wohl europaweit einmalig ist. UnternehmerTUM, das Zentrum für Innovation und Gründung, bietet eine Palette vom Accelerator-Programm über eine riesige Hightech-Werkstatt zum Prototypenbau bis hin zum eigenen Venture-Capital-Fonds. Im Inkubator der TUM arbeiten die Gründungsteams unmittelbar neben dem Entrepreneurship-Institut unserer Fakultät, sodass Forschung und Praxis voneinander lernen. Ein ähnliches Modell wollen wir auch in Heilbronn aufbauen. Derzeit werden jedes Jahr rund 70 Start-ups an der TUM gegründet. Eines von ihnen, der Process-Mining-Anbieter Celonis, hat gerade den „Einhorn“-Status, also eine Marktbewertung von einer Milliarde US-Dollar erreicht. Das ist natürlich unser Traum: Ein Hightech-„Unicorn“ aus Heilbronn, gegründet von TUM-Studierenden, mit Familienunternehmen als strategischen Partnern.

Mehr Informationen:

  • TUM Campus Heilbronn:
    Die gemeinnützige Dieter Schwarz Stiftung finanziert für zunächst 30 Jahre 20 neue wirtschaftswissenschaftliche Professuren der TUM mit kompletter Ausstattung und Infrastruktur, davon 13 auf dem neuen TUM Campus Heilbronn. Dort wird ein umfangreiches Studienangebot aus Bachelor- und Masterstudiengängen, Executive Education und Promotion aufgebaut. Zum jetzigen Wintersemester starten die englischsprachigen Masterstudiengänge „Management & Innovation“ (weiterbildend) und „Management“, der eigens für Bachelorabsolventen aus den Ingenieur- und Naturwissenschaften konzipiert ist. Für das nächste Wintersemester ist der Start des Bachelorstudiengangs „Management & Technology“ und des weiterbildenden „Master of Laws“ geplant.
  • Prof. Dr. Gunther Friedl:
    Seit 2010 ist Gunther Friedl Dekan der TUM School of Management, der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der TU München. 2007 wurde er dort auf den Lehrstuhl für Controlling berufen. Zuvor war er unter anderem Professor in Mainz und Gastwissenschaftler an der Stanford University. Friedl hat Physik und BWL studiert.