Aktionswoche für die seelische Gesundheit:

Geht vom Gas runter!

"Habt den Mut zu sagen: Ich brauche Hilfe!"  Die Idee für die Aktionswoche #TUM4MIND stammt von Marcel Bischofberger. (Bild/Video: ProLehre Medienproduktion)
"Habt den Mut zu sagen: Ich brauche Hilfe!" Die Idee für die Aktionswoche #TUM4MIND stammt von Marcel Bischofberger. (Bild/Video: ProLehre Medienproduktion)
 

„Wir sind die Generation, der man einredet, dass sie die Welt retten kann.“, sagt Marcel Bischofberger. Der 28-Jährige hat TUM-BWL studiert und zeitgleich eine schwere Lebenskrise gemeistert. Wie wichtig seelische Gesundheit ist und wie man sie erhalten kann, will er gemeinsam mit der Jungen Akademie zeigen: Bei der Aktionswoche #TUM4MIND von 5. bis 9. November 2018.

Marcel, Du hast 2017 Deinen Master in TUM-BWL gemacht und das, obwohl Du während Deines Studiums so gar nicht gesund warst.

Marcel Bischofberger: Das stimmt. 2013 erhielt ich die Diagnose Depression und bin die kommenden Jahre durch schwierige Phasen gegangen. Erst 2017 hatte ich zum ersten Mal das Gefühl: Jetzt stehst Du wieder richtig im Leben. Losgegangen war es zum ersten Mal während der Bachelorarbeit. Auslöser war zunächst aber nicht das Studium, sondern Liebeskummer.

Du hast gemerkt, dass Du nicht weiterkommst. Was hast Du da getan?

Der erste, große Schritt im Bereich Studium war, mich gegenüber meinem Betreuer zu öffnen. Ich habe ihm gesagt, dass ich an einem Punkt bin, wo es nicht weitergeht. Er hat viel Verständnis gezeigt und mir drei Monate mehr Zeit für die Bachelor-Arbeit gegeben. Das hat mich unendlich entlastet.

Wie hat Deine Familie reagiert?

Meine Familie daheim im Allgäu hat mir sehr geholfen, dorthin konnte ich mich für eine Zeit lang zurückziehen. Sehr gut getan hat es mir dann, dass ich mit drei alten Freunden aus der Heimat in eine WG gezogen bin. Die haben mich so genommen, wie ich bin. Familie und Freunde waren während dieser Zeit sehr wichtig für mich.

Trotz Krise hast Du den Bachelor gemacht und danach noch den Master drangehängt.

Ja, das hab ich tatsächlich gemacht. Die Master-Arbeit habe ich auch mit verlängerter Frist geschrieben, das wollte ich von Vornherein so. Weil ich inzwischen ja wusste, dass mir etwas mehr Zeit guttut. Im Mai 2017 habe ich den Master TUM-BWL abgeschlossen. Dann habe ich ein Psychologie-Studium an der Fernuni Hagen begonnen. Ich möchte meine Erfahrungen weitergeben, anderen helfen und etwas im psychosozialen Bereich machen.

Von „Depression“ haben viele ein falsches Bild...

Absolut. „Depression“ wird nach wie vor häufig falsch verstanden. Es ist keine „Miss-Stimmung“, sondern eine chronische Krankheit. Sie zu heilen, kostet Zeit. Es braucht medizinische und therapeutische Unterstützung. Darüber sind sich viele nicht im Klaren. Es ist nicht so, dass man einen Schalter umlegen kann und plötzlich wieder „gute Laune“ hat.

Der Druck, gerade auf junge Leute, scheint heute immens zu sein. Woher kommt er?

Wir sind die Generation, der man einredet, dass sie die Welt retten kann. Wir bekommen zu viel aufgeladen. Und denken tatsächlich, wir könnten und müssten das alles stemmen. Ich denke, es ist eine Kombination von beidem: Erwartungen von außen, aber auch Druck, den wir uns selbst machen. Wir sind von sozialem Perfektionismus geleitet. Wir machen uns unendlich viele Gedanken, was andere - vermeintlich - von uns erwarten könnten.

Jetzt hilfst Du anderen Betroffenen und jungen Leuten, die gefährdet sein könnten. Was ist Deine Botschaft an sie?

Nummer 1: Die Studierenden sollten vom Gas gehen. Sie denken, jede Abweichung vom idealtypischen Lebenslauf bedeutet das Aus. Dabei ist das überhaupt nicht so! Nummer 2: Habt den Mut zu sagen: „Ich kann nicht weiter. Ich brauche Hilfe.“ Es ist wichtig, sich zu öffnen und darüber zu sprechen. Reden ist Gold! Reden und sich Hilfe suchen, auch wenn es zunächst einmal nur die Freunde sind, die Familie. Auch der Uni gegenüber offen sein. Ich habe damit an der TUM nur gute Erfahrungen gemacht.

Wie kamst Du auf die Idee, eine Aktionswoche an der TUM zu organisieren?

Vor einem halben Jahr haben wir mit der Jungen Akademie das Akademie-Gespräch „Stress und Depression im Studium“ gemacht. Der Andrang war enorm, es kamen 100 Leute. Dort habe ich Dominique de Marné kennengelernt, die den Blog Traveling the Borderline schreibt. Wir waren uns einig: Der Bedarf und das Interesse am Thema sind riesig. Warum also nicht eine ganze Woche auf die Beine stellen!

Hat man Dich hier im Haus dabei unterstützt?

An der TUM hatte ich das Gefühl, ich renne überall offene Türen ein. Wohin ich mich auch gewandt habe, jeder war sofort bereit zu unterstützen: die Junge Akademie und Vizepräsident Gerhard Müller. Er hat den Kontakt zu Prof. Peter Henningsen von der Psychosomatischen Medizin am Klinikum rechts der Isar hergestellt, der unser Schirmherr wurde. Dass sogar der Präsident in unserem Clip mitgewirkt hat, ist eine Ehre und zeigt, wie ernst das Thema an der TUM genommen wird.

Was passiert bei der Aktionswoche Anfang November?

Wir zeigen eine Ausstellung von Instagram-Accounts, die sich mit dem Thema Mental Health beschäftigen. Es gibt Begegnungscafés mit Betroffenen unter dem Motto „Was du schon immer fragen wolltest.“ Wir zeigen die Filme "Arthur & Claire" mit Josef Hader und "Vielleicht lieber morgen", und am Freitag gibt es fünf verschiedene Workshops. Und immer ist viel Gelegenheit für Gedankenaustausch. Wir wollen, dass über seelische Gesundheit gesprochen wird. Reden ist Gold!
 

Aktionswoche #TUM4MIND 5.-9. November 2018 zu Themen der seelischen Gesundheit an der TUM für Studierende und Mitarbeiter/innen. Geboten werden Gesprächsrunden, eine Ausstellung, zwei Filme, eine Podiumsdiskussion und fünf Workshops (mit Voranmeldung). Mehr Infos, Programm und Anmeldung zu den Workshops: www.jungeakademie.tum.de/TUM4mind