Kommentar zum Brexit von Alice Gast und Wolfgang A. Herrmann in der Financial Times

Plädoyer für europäische Zusammenarbeit

Alice Gast und Wolfgang A. Herrmann bei der Vereinbarung der Partnerschaft von ICL und TUM. (Bild: jo mieszkowski / ICL)
Alice Gast und Wolfgang A. Herrmann bei der Vereinbarung der Partnerschaft von ICL und TUM. (Bild: jo mieszkowski / ICL)

Campus

Die Präsidentin des Imperial College London (ICL), Prof. Alice Gast, und Prof. Wolfgang A. Herrmann, Präsident der Technischen Universität München (TUM), haben sich in einem Gastbeitrag in der Financial Times mit den möglichen Auswirkungen eines Brexit auf die europäische Forschungs- und Hochschullandschaft auseinandergesetzt. Im Oktober 2018 hatten ICL und TUM ihre neue „Flagschiff-Partnerschaft“ bekannt gegeben, in der zwei der führenden Technischen Universitäten Europas ihre einander ergänzenden Stärken in den Hochtechnologien zusammenführen.

Originaltext: „Elevate scientific research above UK exit squabbles“ vom 31.01.19 aus der Financial Times. 

Wissenschaftliche Forschung darf nicht unter Brexit-Streitigkeiten leiden

Ob Links oder Rechts, Brexiter oder Remainer, Kontinentaleuropäer oder Brite – trotz der verhärteten Fronten rund um den EU-Austritt Großbritanniens besteht in einem Punkt Konsens: Wir alle messen der britischen Teilnahme an europäischen Forschungsprogrammen großen Wert bei. So haben letzte Woche Spitzenpolitikerinnen und -politiker aus Deutschland und Großbritannien die wissenschaftliche Forschung als Priorität herausgestellt. Die Unterstützung der gemeinschaftlichen europäischen Forschung sollte über den politischen Agenden stehen. Akademikerinnen und Akademiker aus ganz Europa sind begeistert von der Aussicht auf weitere Zusammenarbeit, wäre da nicht die Furcht vor dem Schaden, den ein „No-Deal-Brexit“ der Forschung zufügen könnte. 

In einen Großteil der internationalen britischen Forschungsvorhaben sind auch europäische Partner involviert. Wird diese Zusammenarbeit erschwert, leidet die Gemeinschaft darunter – die Zahl bahnbrechender Erkenntnisse nimmt ab und wirtschaftliche Chancen werden verspielt. Ob Krebs oder saubere Energien, die britisch-europäische Zusammenarbeit in der Forschung ist ein entscheidender Faktor für die Lösung globaler Aufgabenstellungen.

Deshalb sollte die Zusammenarbeit in der Forschung klar und deutlich von der Politik entkoppelt werden – und zwar ganz gleich, ob die anhaltenden Verhandlungen rund um den Brexit zu einem Deal führen, zu einer Verlängerung oder zu einem ungeregelten Ausscheiden.  Wir können und müssen jetzt gemeinsam beschließen, unsere Partnerschaft bis zum Ende des Horizon 2020 Programms zu verlängern. Das würde auch bei einem ungeregelten Austritt die Fortführung der Zusammenarbeit ermöglichen und die formale Einbindung Großbritanniens in das Nachfolgeprogramm, Horizon Europe, sichern. 

Die gemeinsamen Erfolge bei der Entschlüsselung des menschlichen Genoms, der Erforschung des Universums und der Nutzung von Graphen sind nicht nur eine Inspiration, sondern zeigen auch, was alles auf dem Spiel steht. Neue gemeinsame Projekte des Imperial College London und der Technischen Universität München in den Bereichen Künstliche Intelligenz, Neurotechnologie, synthetische Biologie sowie Luft- und Raumfahrt sorgen in Großbritannien und Deutschland gleichermaßen für Aufsehen. 

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler waren stets in der Lage, über nationale, politische und kulturelle Grenzen hinweg zu arbeiten, auch in Konflikt- und Krisenzeiten. Es wäre eine wahre Tragödie, wenn die historisch einzigartigen Errungenschaften wissenschaftlicher Zusammenarbeit, Entdeckung und Exzellenz als Kollateralschaden des Brexit auf der Strecke blieben.