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Ausschnitt aus dem animierten Kurzfilm "Carlotta's Face" des TUM-Neurowissenschaftlers Dr. Valentin Riedl über eine Frau, die unter Gesichtsblindheit leidet.
Ausschnitt aus dem animierten Kurzfilm "Carlotta's Face" des TUM-Neurowissenschaftlers Dr. Valentin Riedl über eine Frau, die unter Gesichtsblindheit leidet.
Bild: Fabian Fred
  • TUM in den Medien
  • Lesezeit: 2 MIN

3Sat: Kurzfilm über Gesichtsblindheit von Neurowissenschaftler Valentin Riedl

„Carlotta's Face“

Carlotta erkennt von Geburt an keine Gesichter und beginnt schon als Kind sich mit dieser Situation zu arrangieren. Erst viele Jahre später erfährt sie von einem seltenen, unheilbaren Defizit ihres Gehirns. Der Arzt und Neurowissenschaftler der Technischen Universität München (TUM) Dr. Valentin Riedl erzählt mit seinem animierten Kurzfilm zusammen mit dem Regisseur Frédéric Schuld die Geschichte der an Gesichtsblindheit leidenden Frau Carlotta. Am 8. Mai um 23:20 Uhr zeigt 3Sat den Film in der Erstausstrahlung.

Interview mit Valentin Riedl

Dr. Valentin Riedl, Arzt und Neurowissenschaftler am TUM-Universitätskklinikum rechts der Isar.
Dr. Valentin Riedl, Arzt und Neurowissenschaftler am TUM-Universitätskklinikum rechts der Isar.
Bild: K. Bauer / TUM

Dr. Valentin Riedl erforscht als Arzt und Neurowissenschaftler die Funktionsweise des menschlichen Gehirns am TUM-Universitätsklinikum rechts der Isar. Sein Forschungsfokus liegt darauf, mit unterschiedlichen bildgebenden Verfahren den Energieverbrauch des Gehirns darzustellen und besser zu verstehen.

Wie erkennt der Mensch Gesichter?

Hierfür ist eine kleine Hirnregion verantwortlich, die „Gesichtsregion“ oder „fusiform face area“. Sie wurde erst 1992 entdeckt. Ihre Aufgabe ist es jede Information, die Teil eines Gesichts ist, aus unserem Sehfeld herauszufiltern. Die Nervenzellen darin analysieren fortlaufend die Position von Augen, Nase und Mund in unserem Blickfeld. So erkennen wir unbewusst hunderte Personen anhand feiner Unterschiede des Gesichts, obwohl wir uns alle dieselbe Gesichtsstruktur teilen. Die „fusiform face area“ registriert auch kleinste Veränderungen in den Gesichtsproportionen und macht es uns so möglich, Emotionen sehr präzise zu erkennen.

Was geschieht bei Personen, die an Gesichtsblindheit leiden?

Menschen, die keine Gesichter erkennen können, haben Defekte in dieser „Gesichtsregion“. Diese Erkrankung wird als Prosopagnosia oder auch „Gesichtsblindheit“ bezeichnet. Die Betroffenen können kein ganzheitliches Bild eines Gesichts erkennen oder dieses abspeichern. Sie sind deshalb weder in der Lage ihr eigenes Gesicht wahrzunehmen, noch das anderer Personen wiederzuerkennen. Menschen mit Gesichtsblindheit können die Gesichter von Tieren - außer Affen - auseinanderhalten. Tiere haben nicht die typisch runde Gesichtsform mit vorne liegenden Augen, die von der Gesichtsregion verarbeitet wird.

Wie viele Menschen sind davon betroffen?

Die medizinische Forschung geht heute davon aus, dass ca. 1 Prozent der Weltbevölkerung in unterschiedlicher Ausprägung Probleme bei der Gesichtserkennung hat. Somit sind alleine in Deutschland über 1 Million Menschen davon betroffen.

Gibt es Carlotta wirklich?

Ja, Carlotta ist eine Künstlerin, deren Selbstporträt ich in einer Ausstellung entdeckte. Als ich dann erfuhr, dass Carlotta unter Gesichtsblindheit litt, hatte ich aufgrund meiner Arbeit ein wissenschaftlich geprägtes, unverrückbares Bild von dieser Person. Dank des Filmprojekts darf ich seither meine Vorstellung von Wahrnehmung und von Carlotta als Person ständig revidieren. Carlotta nutzt eine traditionelle Art der Lithografie für ihre Selbstporträts. Im Dunklen ertastet sie mit einer Hand ihr Gesicht und überträgt das Gefühlte auf das Papier. Dabei wird das Papier auf eine farbgetränkte Holzplatte gedrückt. Somit zeichnet Carlotta ihr Gesicht praktisch farblich invertiert und verdreht. In unseren Animationen haben wir versucht, diese Technik nachzuahmen.

Corporate Communications Center

Technische Universität München Dr. Vera Siegler
vera.siegler(at)tum.de
Tel: +49 (0)89 289 23325

Kontakte zum Artikel:

PD Dr. Valentin Riedl
Neuroimaging Center am Klinikum rechts der Isar der TUM
Tel.: +49 (0)89 4140 - 7972
valentin.riedl(at)tum.de

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Dr. Valentin Riedl (links), Forschungsgruppenleiter in der Abteilung für Neuroradiologie am TUM Universitätsklinikum rechts der Isar, mit seinem Kollegen Dr. Christian Sorg. (Bild: K. Bauer / TUM)

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