Playtesting durch Startup Brainsight
Wo und wie stark werden beim Spielen Neuronen aktiviert? Das Startup Brainsight entwickelt ein bahnbrechendes Playtesting.
Bild: Astrid Eckert / TUM
  • Entrepreneurship, Forschung, Studium

Start-up „Brainsight“ entwickelt neurotechnologiegestütztes Playtesting„Wir haben keinen Bock auf schlechte Spiele“

Vladislav Samoilov und Philipp Zent trafen sich beim Gründungsprogramm Think.Make.Start an der TUM und entdeckten sofort eine Gemeinsamkeit: Beide sind begeisterte Gamer. Jetzt sind sie Unternehmensgründer. Ihr Start-up „Brainsight“ könnte die Playtesting-Welt revolutionieren.

Herr Zent, was ist das Geheimnis guter Computerspiele?

Ein gutes Spiel besteht aus einem gesunden Mix aus Herausforderung und Belohnung und erzeugt insgesamt ein positives Gefühl im Spieler. Bisher war diese Wirkung jedoch nicht messbar. Die Spiele-Entwickler können die User-Experience nur sehr begrenzt voraussagen: Es werden zwar Test-Spieler engagiert, aber deren Feedback beschränkt sich auf das Ausfüllen eines Fragebogens und das verbalen Beatworten von Fragen. Das ist alles sehr subjektiv.

Was bedeutet das für die Entwicklung neuer Spiele?

Viele Spiele erzielen trotz horrender Entwicklungskosten sehr geringe Umsätze, da sie eine schlechte User-Experience haben. Um diese zu verbessern, bräuchte man objektive Daten, die exakt zeigen, wann welcher Spieler wie konzentriert war und welche Emotionen er hatte. Mit Hilfe dieser Informationen könnten die Spiele-Entwickler ihre Produkte gezielt optimieren.

Welche Techniken braucht man, um die Emotionen der Testspieler objektiv zu erfassen?

Wir nutzen ein Elektroenzephalogramm, kurz EEG, mit dem wir die Gehirnaktivität aufzeichnen können, während eine Testperson ein Computerspiel spielt. Für die Auswertung der Messungen nutzen wir Machine-Learning-Algorithmen. Die Algorithmen werden mit EEG-Daten von Versuchspersonen trainiert, denen traurige, spannende oder langweilige Videos gezeigt wurden. Die KI lernt dadurch Messdaten mit Emotionen zu korrelieren und kann dann auch die Hirnströme der Testspieler interpretieren. Auf diese Weise können wir für jeden Moment und Ort des Spiels ermitteln, wie fokussiert ein Gamer war und ob er positive oder negative Gefühle beim Spielen hatte.

Sie können mit dieser Technik sichtbar machen, was in den Köpfen der Spieler vorgeht?

Was Sie denken, wissen wir nicht. Aber wir können erkennen, wo und wie stark Neuronen aktiviert werden. Daraus lässt sich schließen, welche Areale des Gehirns aktiv sind. Die trainierten Machine-Learning-Algorithmen ermitteln daraus, welche Arten von Emotionen im Spiel sind. Für die Entwickler von Spielen eröffnet diese Technik völlig neue Möglichkeiten, denn sie können jetzt beispielsweise sehen, in welchen Momenten die Konzentration der Test-Spieler nachlässt und Langeweile aufkommt.

Wie sind Sie denn auf die Idee des KI-gestützten Game-Testings gekommen?

Da hat uns die TUM drauf gebracht. Vlad hat im vergangenen Frühjahr an der BCI & Neurotechnology Spring School 2021 teilgenommen, weil ihn die Thematik Brain-Computer-Interface – kurz BCI – fasziniert. Einer der Referenten war ein Spiele-Entwickler, der über die zahlreichen Anwendungsmöglichkeiten des BCI in der Gaming Industrie berichtet hat.

Und da haben Sie beschlossen ein Startup zu gründen?

Vlad und ich hatten uns wenige Wochen zuvor, während des virtuellen Bewerbungsverfahrens zum Think.Make.Start-Workshop, kennengelernt und waren auf der Suche nach einem Business-Case für ein Neurotechnologie-Startup. Als begeisterte Gamer waren wir uns schnell einig, dass das Playtesting mit neurotechnologischen Methoden Entwicklern helfen kann, ihre Spiele zu verbessern – wir haben ja selbst keinen Bock auf schlechte Spiele.

Das Gründungsförderprogramm Think.Make.Start findet zweimal jährlich statt. Die nächste Runde startet im März 2022, eine Bewerbung ist noch bis einschließlich 31. Januar 2022 möglich: Bewerbung für Think.Make.Start

Wie gut funktioniert die neue Technik der KI-gestützten Emotionserkennung mittlerweile?

Die Algorithmen haben gelernt, EEG-Daten zu interpretieren. Wir können mit der KI die Aktivität und die Emotionen von Gamern ermitteln, während sie ein Computerspiel spielen. Diese Werte lassen sich dann – für jeden Moment und Ort des Spiels – darstellen. Diese Technik werden wir jetzt den Entwicklern von Spielen anbieten.

Gibt es neben dem Playtesting noch andere Anwendungen für die Emotions-Erkennung?

Das Potenzial der Neurotechnologie ist enorm. Im Grunde geht es darum, das menschliche Gehirn mit Computern zu vernetzen. Da stehen wir im Moment noch ganz am Anfang. Das Erkennen von Emotionen auf der Basis von EEG-Messungen ist nur ein kleiner Schritt, von dem aber viele Anwender profitieren könnten.

Können Sie Beispiele nennen?

Filmproduzenten könnten herausfinden, ob sie mit einer bestimmten Einstellung beim Zuschauer die gewünschten Gefühle wecken. Musik-Streamingdienste könnten prüfen, ob ihre Playlisten bestimmte Stimmungen erzeugen. Auch für Marketing-Agenturen ist die Technik interessant. Sie könnten sehen, ob ihre Kampagnen die gewünschten Emotionen erzeugen.

Think.Make.Start bietet die Möglichkeit, in nur 10 Tagen innovative Geschäftsideen und Prototypen zu entwickeln. Inwieweit haben Sie davon profitiert?

Erstmal war es natürlich toll, dass wir uns dort kennengelernt haben. Dann hatten wir ein bisschen Pech, weil der Programmstart wegen Corona in den Herbst verlegt werden musste. In der Zwischenzeit haben wir unsere Geschäftsidee allein weiterentwickelt und am Ende den Start Award für die Geschäftsidee mit dem größten Potenzial bekommen.

Und wie geht es jetzt weiter?

Derzeit nehme ich an der TUM an einem Business-Plan-Seminar teil, in dem ich analysieren werde, welche Industrie unser erstes Expansionsziel sein wird. Mit Unterstützung von Prof. Cheng vom Institute for Cognitive Systems haben wir uns außerdem diesen Monat für das EXIST-Gründerstipendium beworben. Wenn das klappt, können wir ab Februar 2022 Vollzeit an Brainsight arbeiten. Die ersten Kunden haben wir schon akquiriert.

Und das lässt sich alles mit dem Studium vereinbaren?

Erstaunlicherweise ist das überhaupt kein Problem. Die TUM fördert aktiv Studierende, die gründen wollen: Für viele der Workshops und Kurse zur Unternehmensgründung wie Think.Make.Start bekommt man Credit Points, die man sich anrechnen lassen kann. Und wenn alles klappt wie geplant, wird meine Masterarbeit der Business-Plan von Brainsight sein. Man kann also sein Studium abschließen und gleichzeitig ein Start-up vorantreiben – das ist echt cool.

  • Philipp Zent (links) und Vladislav Samoilov (rechts) vom Startup "Brainsight"
    Neurotechnologiegestütztes Playtesting: Philipp Zent (links) und Vladislav Samoilov (rechts) gründeten das Startup "Brainsight". Bild: Astrid Eckert / TUM
  • Vladislav Samoilov mit Proband Tim Meinhardt und Philipp Zent (v.l.n.r.)
    Haben mit Erfolg das Gründungsförderprogramm Think.Make.Start absolviert: Vladislav Samoilov (links) und Philipp Zent (rechts). Bild: Astrid Eckert / TUM
  • Einsatz beim Playtesting: Mit einem Elektroenzephalogramm wird die Gehirnaktivität aufgezeichnet. Bild: Astrid Eckert / TUM
  • Brainsight-Mitbegründer Philipp Zent
    Philipp Zent studiert an der TUM Management and Technology und hat Brainsight mitbegründet. Bild: Astrid Eckert / TUM

Mehr Informationen:

  • Philipp Zent studiert an der TUM Management and Technology, Vladislav Samoilov hat 2021 seinen Master in Theoretischer Teilchenphysik an der TUM absolviert.
  • Für die Entwicklung ihrer Geschäftsidee wurden die beiden beim Think.Make.Start-Programm 2021 mit dem Start Award für die Geschäftsidee mit dem größten Potenzial ausgezeichnet.
  • Beim TUM IDEAward 2021 erreichte Brainsight Ende November den dritten Platz.

Technische Universität München

Corporate Communications Center Monika Weiner / Verena Meinecke
meinecke(at)tum.de

Kontakte zum Artikel:

Brainsight
Philipp Zent und Vladislav Samoilov
team(at)brainsight.de
www.brainsight.de
+49 (0) 171 6204 707

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