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Die Entlastungsstadt München-Neuperlach. (Foto: Kurt Otto / WSB Bayern, Bestand Neue Heimat)
Die Entlastungsstadt München-Neuperlach. (Foto: Kurt Otto / WSB Bayern, Bestand Neue Heimat)
  • Forschung

Ausstellung „Die Neue Heimat“ im Architekturmuseum der TUM

Gebaute Utopie: Wohnraum für alle

Mehr als 460.000 Wohnungen plante und baute sie in der Nachkriegszeit in Westdeutschland: Die Neue Heimat war der größte nicht-staatliche Wohnungsbaukonzern in Europa zwischen 1950 und 1982. Das Architekturmuseum der Technischen Universität München (TUM) zeigt in einer neuen Ausstellung herausragende Projekte des Gewerkschaftsunternehmens, darunter Großsiedlungen wie München-Neuperlach und die Neue Vahr in Bremen.

Der Ruf nach bezahlbarem Wohnraum wird in Deutschland gegenwärtig immer lauter. Manche vergleichen den aktuellen Wohnraummangel sogar mit dem der Nachkriegszeit. Damals bot unter anderem die Neue Heimat Lösungen: Das Gewerkschaftsunternehmen baute in einem Zeitraum von über dreißig Jahren fast eine halbe Million Wohnungen. „Damals gab es einen gesellschaftlichen Konsens, dass Projekte wie die der Neuen Heimat nötig sind, um den Wohnungsmangel zu so schnell wie möglich zu beseitigen – und das auf eine sozial verträgliche Weise“, sagt Prof. Andres Lepik, Direktor des Architekturmuseums der TUM. Die Ausstellung „Die Neue Heimat. Eine Sozialdemokratische Utopie und ihre Bauten“ betrachtet jetzt, über 30 Jahre nach dem skandalträchtigen Zusammenbruch des Unternehmens 1982, erstmals die Bauprogramme der Neuen Heimat.

Modelle, Fotografien und historisches Material

Gezeigt werden historische Fotografien und Filmproduktionen, Planmaterialien und Originalmodelle herausragender Bauprojekte der Neuen Heimat. Beispielsweise die Neue Vahr in Bremen, die mit dem eleganten Wohnturm des Architekten Alvar Aalto Architekturgeschichte schrieb. Oder die Entlastungsstadt Neuperlach: Der neue Münchner Stadtteil vom Reißbrett war das damals europaweit größte Siedlungsbauprojekt, das für 80.000 Menschen Wohnraum bieten sollte. Allein in München baute die Neue Heimat einige weitere Siedlungen, darunter die Parkstadt Bogenhausen und Am Hasenbergl.

Obwohl gerade die Großsiedlungen und Entlastungsstädte dazu beitrugen, das Wohnraumproblem zu lösen, waren sie in späteren Jahren oft der Kritik ausgesetzt, sie seien unwirtliche Planstädte. Fotografien von Herlinde Koelbl portraitieren die Bewohnerinnen und Bewohner Neuperlachs sowie seine Bauten. Manche zeigen Graffitis mit Botschaften wie „Beton kann töten“ oder „Menschen-Silo“. Das sei in der Frühzeit der Neuen Heimat ganz anders gewesen, sagt Kuratorin Hilde Strobl. Da habe die Freude über den neuen Wohnraum überwogen. Das Versprechen der Neuen Heimat, dass sie auf Bestellung eine ganze Stadt bauen könne, sei damals eine Verheißung gewesen. Im Architekturmuseum werden dazu zahlreiche neuproduzierte Interviews mit Zeitzeugen ausgestellt. 

Architektur von gestern, Lösungen für morgen?

„Mit unserer Ausstellung wollen wir dazu anregen, zu überlegen, was aus der sozialdemokratischen Vision eines ‚Wohnens für alle‘ heute geworden ist“, sagt die Kuratorin. Trotzdem ziele sie nicht darauf ab, die Wirtschafts- oder Sozialgeschichte der Neuen Heimat zu zeigen – es geht um die Architektur. Wie es um die Bauten von damals heute bestellt ist, vermitteln Fotografien von Ulrike Myrzik und Manfred Jarisch.

Museumsdirektor Lepik erachtet die Ausstellung als Anfang einer nötigen Aufarbeitung: „Lange Zeit wurden die Großsiedlungen wie Neuperlach fast reflexartig als problematisch wahrgenommen. Dieser Umstand hat eine differenzierte und historisch angemessene Einschätzung der Bauprogramme und der baupolitischen Ziele der Neuen Heimat bislang verhindert. Es ist allerhöchste Zeit, die Geschichte der Neuen Heimat genau zu betrachten.“

Publikation:

Lepik, Andres; Strobl Hilde (Hg.): Die Neue Heimat (1952-1980). Eine sozialdemokratische Utopie und ihre Bauten. Detail Verlag, München 2019, 236 Seiten.
ISBN: 978-3-95553-476-9

Mehr Informationen:

Die Ausstellung ist noch bis zum 19. Mai 2019 geöffnet. Ein Großteil der umfangreichen historischen Materialien stammt aus dem Hamburgischen Architekturarchiv und dem Archiv des Architekturmuseums der TU München. Weitere Leihgeber sind die Berlinische Galerie und das Deutsche Architekturmuseum (DAM) Frankfurt sowie zahlreiche Stadtarchive und private Leihgeber.

Kontakt:

Prof. Dr. Andres Lepik
Technische Universität München
Architekturmuseum
Email

Dr. Hilde Strobl
Technische Universität München
Architekturmuseum
Tel: +49 (0) 89 289 28171
Email

Corporate Communications Center

Technische Universität München Lisa Pietrzyk
lisa.pietrzyk(at)tum.de

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