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Das Mount Washington Hotel, Schauplatz der Bretton-Woods-Konferenz
Im Mount Washington Hotel in Bretton Woods kamen vor 75 Jahren Vertreter aus 44 Staaten zusammen, um neue Regeln für die Weltwirtschaft zu beschließen.
Bild: iStockphoto.com/ travelview
  • Forschung
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75 Jahre Bretton Woods: Neue Publikation zur Bedeutung von Weltbank und IWF

Das Erbe der Bretton-Woods-Konferenz

Vom 1. bis 22. Juli 1944 legten in Bretton Woods 44 Staaten Regeln für die Weltwirtschaft fest. Prof. Eugénia da Conceição-Heldt, Reformrektorin der Hochschule für Politik an der Technischen Universität München (TUM) ist Herausgeberin eines Sonderbands zum Jubiläum. Ihr Fazit: Während Chinas Machtambitionen die Errungenschaften von Bretton Woods nicht gefährden, könnte zunehmender Populismus durchaus Auswirkungen haben.

Während das vor 75 Jahren bei der Konferenz von Bretton Woods im US-Bundesstaat New Hampshire beschlossene Währungssystem gut 30 Jahre später zusammenbrach, haben sich zwei damals geschaffene Einrichtungen zu einflussreichen Akteuren der Weltpolitik entwickelt: die Weltbank und der Internationale Währungsfonds (IWF). Beide prägen das internationale Geschehen stärker, als bei ihrer Gründung abzusehen war.

Eugénia da Conceição-Heldt, Professorin für European and Global Governance und Gründungsdekanin der TUM School of Governance ist Herausgeberin eines Sonderbands des „Review of International Political Economy“ zum 75. Jahrestag der Konferenz. In zwei Beiträgen untersucht sie mit ihren Co-Autoren, wie sich Weltbank und IWF verändert haben und auf welche Weise sie neue Institutionen prägen.

IWF und Weltbank im Wandel

Prof. Eugénia da Conceição-Heldt
Ein Sonderband des "Review of International Political Economy" untersucht das Erbe der Konferenz in Bretton Woods vor 75 Jahren. Herausgeberin ist Prof. Eugénia da Conceição-Heldt.
Bild: Astrid Eckert / TUM
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Weltbank und IWF sind seit 1944 stark gewachsen. Hatte der IWF bei seiner Gründung rund hundert Angestellte, sind es heute mehr als 3000. Das Budget des Fonds stieg von zwei Millionen auf 1,2 Milliarden US-Dollar. Die Weltbank – mittlerweile die Weltbank-Gruppe – wuchs gar von 150 auf rund 11.000 Beschäftigte an. Die Bandbreite der Aufgaben beider Organisationen stieg ebenfalls. „Bei ihrer Gründung sollten Weltbank und IWF den Wiederaufbau der vom Krieg zerstörten Länder in Europa voranbringen und das Währungssystem stabilisieren“, erläutert Eugénia da Conceição-Heldt. „Beide übernahmen aber bald neue Aufgaben, etwa in der Entwicklungspolitik. Auch die Investitionsziele sind heute viel breiter angelegt und beinhalten Themen wie Gesundheit und Umwelt, die 1944 noch keine Rolle spielten.“

Prof. da Conceição-Heldt zeigt, dass sich auch Strukturen und Arbeitsweise der beiden Organisationen an Veränderungen anpassten, beispielsweise an die Gründung mächtiger internationaler Zusammenschlüsse wie der G20. „Obwohl sich Weltbank und IWF weiterentwickelt haben, sind die Grundideen, die in Bretton Woods entscheidend waren, heute immer noch prägend – allen voran die Idee eines nachhaltigen Aufbaus“, sagt Conceição-Heldt.

Konkurrenz durch neue Organisationen

Der zweite Artikel von Prof. da Conceição-Heldt beschäftigt sich mit internationalen Entwicklungsbanken, die mutmaßlich mit der Weltbank konkurrieren. Insbesondere die Asian Infrastructure Investment Bank (AIIB) und die New Development Bank (NDB) gelten als Gegenentwürfe, in denen China eine dominante Stellung einnimmt. Manche befürchten, dass diese Einrichtungen Investitionsziele, die in den Regeln der Weltbank festgeschrieben sind, wie „verantwortungsvolle Regierungsführung“ zugunsten von Machtpolitik zurückstellen. Eugénia da Conceição-Heldt sieht hierfür derzeit jedoch keine Hinweise: „Unsere Analyse zeigt, dass AIIB und NDB zwar Staaten wie China mehr Einflussmöglichkeiten bieten als die US-dominierte Weltbank, allerdings nicht als Ersatz für diese konzipiert sind. Diese Organisationen kooperieren mit der Weltbank, übernehmen ihre Arbeitsweisen und Governance-Strukturen - und nicht selten auch ihr Personal. Sie folgen letzten Endes jedoch auch den Grundideen von Bretton Woods.“

Größere Unsicherheiten sieht sie in populistischer, anti-multilateraler Politik. „Welchen Einfluss Populismus haben kann, sieht man an der Entscheidung von US-Präsident Donald Trump,  David Malpass, einen scharfen Kritiker der Bretton-Woods-Institutionen, zum Präsidenten der Weltbank zu berufen. Malpass ist damit in einer Position, in der er der Organisation Schaden zufügen kann. Zukünftige populistisch motivierte Entscheidungen könnten Weltbank und IWF weiter schwächen.“ Eine Prognose zur Zukunft von IWF und Weltbank möchte die Politikwissenschaftlerin daher nicht abgeben: „Die Bretton-Woods-Institutionen haben eine beeindruckende Effizienz und Strahlkraft bewiesen. Was in zehn oder fünfzehn Jahren sein wird, hängt letztlich von den politischen Konstellationen der Weltpolitik ab. Ich bin aber zuversichtlich, dass diese Organisationen auch mit widrigen Umständen werden umgehen können.“

Publikationen:

Heldt, E. and Schmidtke, H. (2019): "Explaining coherence in international regime complexes: How the World Bank shapes the field of multilateral development finance", Review of International Political Economy. DOI: 10.1080/09692290.2019.1631205.

Fioretos, O. and Heldt, E. (2019): "Legacies and innovations in global economic governance since Bretton Woods", Review of International Political Economy. DOI: 10.1080/09692290.2019.1635513.

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Technische Universität München Paul Hellmich
paul.hellmich(at)tum.de
Tel: +49 89 289 22731

Kontakte zum Artikel:

Prof. Dr. Eugénia da Conceição-Heldt
Technische Universität München
Lehrstuhl für European and Global Governance
Tel.: +49 (0) 89/ 907793 – 011
eugenia.heldt(at)hfp.tum.de

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