Auslandssemester in Israel:

Jerusalem in Zeiten von Corona

Jonas Geus
Im Hintergrund der Felsendom: TUM-Student Jonas Geus ist gerade in Jerusalem. (Foto: privat)
Die Corona-Krise ist für viele Studierende eine Herausforderung. Nicht nur in München werden Pläne durchquert, besonders trifft es auch Studierende, die ein Auslandssemester absolvieren. TUMstudinews-Reporterin Sabrina Czechofsky hat mit TUM-Student Jonas Geus telefoniert, der derzeit in Jerusalem studiert.

Jonas, wie ist die Lage bei Dir?

Jonas Geus: Ich bin seit 29. Februar in Jerusalem und absolviere hier mein Auslandssemester an der Hebrew University of Jerusalem. Israel hatte am 21. Februar den ersten Corona-Fall und bei meinem Abflug waren es zehn registrierte Fälle. Eine Woche nach meiner Ankunft wurden dann die strikten Ausgangsbeschränkungen von der Regierung erlassen. Israel war viel früher reagiert als andere Länder. Der Campus ist komplett abgeriegelt. In meiner Wohnanlage von der Universität kann ich mich frei bewegen, ich darf einkaufen gehen, aber mich nicht weiter als 500 Meter von meiner Haustüre entfernen zum Spazierengehen.

Wie bist Du denn überhaupt nach Jerusalem gekommen?

Ich wollte unbedingt im Bachelor ins Ausland, und zwar in ein Land, in dem Politik sehr relevant ist. Von den Partneruniversitäten der TUM kamen für mich deshalb St. Petersburg und Jerusalem in Frage, dort haben mich auch die jeweiligen Module angesprochen. Ich habe mich also bei TUMexchange beworben und schließlich ist es Jerusalem geworden. Zum Zeitpunkt der Bewerbungsphase letzten Sommer war Corona auch noch nicht vorherzusehen.

Wie sieht Dein Studium dort jetzt genau aus?

Zu Beginn lief alles noch ganz normal. Die Universität hat für Auslandsstudierende ein ausgegliedertes Vorlesungsprogramm, das zwei Wochen vor den eigentlichen Vorlesungen beginnt. Das hat wunderbar funktioniert. Bevor die eigentlichen Vorlesungen losgehen sollten, kamen dann aber schon die Beschränkungen. Es wurde alles relativ schnell zu 100 Prozent auf online umgestellt und nun finden alle meine Vorlesungen über Zoom statt. Das führt dazu, dass ich einige meiner Kommilitonen oder Professoren noch nicht persönlich getroffen habe.

Wie klappt das digitale Studieren bisher für Dich?

Natürlich gab es am Anfang einige Schwierigkeiten für alle. Es ist auch für die Professoren erst einmal komisch, vor dem Rechner zu dozieren, ohne die Studierenden zu sehen. Die Universität war vorher auch komplett analog und es wurde sehr viel Wert auf Anwesenheit gelegt. Allein zehn Prozent der Note bestehen aus Anwesenheit. Doch mittlerweile funktioniert alles reibungslos und es kommt eine Routine rein. Die Lehrpläne wurden auch schnell an das digitale Lernen angepasst.

Wie empfindest Du es, in dieser Lage so weit weg von Deutschland zu sein?

Als Politikwissenschaftler ist das unglaublich interessant für mich zu sehen, wie ein anderes Land mit der Corona-Krise umgeht und mit den Problemen zurechtkommt. Hier gibt es zum Beispiel eine Handyortung für alle und wenn man mit Infizierten in Kontakt war, bekommt man eine SMS vom Geheimdienst. Für mich als Privatperson waren die Entwicklungen auch ein bisschen schockierend.

Warum?

Innerhalb von zwei Tagen ist der Großteil der ausländischen Studierenden abgereist. Die Amerikaner mussten sogar zurückreisen. Auf einmal war es sehr leer. Ich habe für mich beschlossen, in Israel zu bleiben. Und ich bereue es nicht, da ich nun einer von noch wenigen Ausländer in meiner Wohnanlage bin und viel leichter mit Israelis in Kontakt komme. Wir sitzen gerade alle im selben Boot und so hat man immer etwas, über was man sich unterhalten kann.

Würdest Du alles wieder so machen?

Ja, unbedingt! Für die Entwicklung meiner Persönlichkeit ist diese Erfahrung einmalig und sehr wertvoll. Zwar ist das eine sehr ernste Situation gerade, aber ich fühle mich hier sicher. Ich bereue es überhaupt nicht, dass ich hergekommen bin. Alle Ausländer wurden ausgeflogen. Nur noch Diplomaten, Journalisten und Austauschstudenten sind hier. In Deutschland wäre es gerade schneller langweilig.

Wie geht es jetzt bei Dir weiter?

Wenn ich jetzt schon wüsste, wie es weitergeht, wäre das toll (lacht). Ich werde auf jeden Fall bis zum geplanten Ende Mitte Juni hierbleiben und hoffe, dass der gebuchte Flug dann stattfindet. Derzeit gibt es ja keine Flüge von und nach Israel – das ist beispiellos, denn sogar im Sechs-Tage-Krieg konnte man damals in Tel Aviv landen! Leider kann ich nicht wie geplant herumreisen und das Land näher kennenlernen. Deshalb komme ich ganz sicher als Tourist noch einmal zurück.

 

Jonas Geus (22) studiert im 6. Bachelorsemester Politikwissenschaften an der TUM. In Corona-freien Zeiten schwimmt er und trainiert jüngere Schwimmer im Verein. In der Osterzeit sind die Ausgangsbeschränkungen in Israel noch einmal verschärft worden, doch Geus hat dabei auch Positives feststellen können: Die normalerweise sehr konservativen Juden, haben ihre Glaubensregeln gelockert und so konnte man im Fernsehen einen Einblick in die religiösen Rituale jüdischer Familien beim Abendmahl vor dem Pessachfest gewinnen.

Jonas Geus
Jonas Geus im "Student Village" der Hebrew University of Jerusalem, ein paar hundert Meter vom eigentlichen Campus entfernt. (Foto: privat)
TUM student Jonas Geus
Natürlich mit Mundschutz: Jonas Geus am Hauptcampus der Hebrew University auf dem Mount Scopus. (Foto: privat)