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Projekt „Hospiz macht Schule“:

Mit der Limousine ins Jenseits fahren

Vor dem Tod keine Angst haben: Verena Heinrich studiert Medizin an der TUM und engagiert sich bei "Hospiz macht Schule". (Foto: Maren Willkomm)
Vor dem Tod keine Angst haben: Verena Heinrich studiert Medizin an der TUM und engagiert sich bei "Hospiz macht Schule". (Foto: Maren Willkomm)

Über das Sterben und den Tod spricht niemand gerne. Verena Heinrich tut genau das in ihrer Freizeit. Die TUM-Studentin engagiert sich ehrenamtlich für das Projekt „Hospiz macht Schule“ des Hospiz- und Palliativnetzwerkes im Landkreis München. Zusammen mit anderen Freiwilligen besucht sie Schulen und spricht mit Grundschülern über die Phase am Ende eines Lebens.

Verena, was genau macht Ihr bei „Hospiz macht Schule“?

Zusammen mit vier anderen Kolleginnen und Kollegen vom Hospizverein gehe ich eine Woche lang in eine 3. Klasse einer Grundschule im Landkreis München und behandele mit den Kindern das Thema Werden und Vergehen, Krankheit und Leid, Sterben und Tod, Trauer und Trösten. Wir basteln Plakate, schauen Filme, führen Gespräche und die Kinder sollen Brief an ihre Eltern schreiben. Wir fallen natürlich nicht gleich mit der Tür ins Haus. Die Woche beginnt zunächst mit dem Thema Veränderung. Dann sprechen wir über Situationen, in denen wir uns gut oder schlecht fühlen. Später geht es um das Älterwerden und Mitte der Woche kommen Tod und Jenseits ins Spiel.

Wie reagieren die Kinder darauf?

Erstaunlich offen. Viele Kinder machen ja in ihren Familie selbst Erfahrungen mit dem Tod, wenn der Opa stirbt oder auch nur ein Haustier. In den Familien wird das Thema aber oft nicht ausreichend angesprochen, weil es den Erwachsenen schwer fällt. Doch die Kinder sind meistens noch nicht so verkopft und gehen viel lockerer damit um, wenn man über das Ende des Lebens spricht. Da kommen unglaublich viele Fragen – nicht nur zum Tod, sondern auch zu Krankheiten wie Ebola oder Krebs. Und die Reaktionen zeigen mir immer, wie smart Kinder schon in der dritten Klasse sind.

Wie stellen sich Kinder denn den Tod vor?

Viele Kinder, mit denen ich im Projekt gesprochen habe, stellen sich vor, sie werden nach dem Tod ein Tier oder eine Wolke am Himmel. Ein Junge malte einen roten Teppich, der zu einer Limousine führte, in die der Sterbende einsteigt und für immer davonfährt. Ein anderer Junge hat nur einen Punkt gezeichnet. Das war für ihn das „Nichts“, das nach dem Tod kommt.

Es gibt bestimmt lustigere Freizeitbeschäftigungen. Warum engagierst Du Dich für „Hospiz macht Schule“?

Ich habe ja auch noch ganz normale Hobbies. Aber ich finde es wichtig, dass man Kinder bei ihrem Umgang mit dem Thema Tod begleitet, denn in unserer Gesellschaft ist der Tod eigentlich ein Tabuthema. „Palliativ“ heißt „Lebensphase dem Ende nahe“. Diese Phase kann aber sehr lang sein. Kranke und alte Menschen sollten Teil unserer Gesellschaft bleiben und teilhaben können und nicht auf dem Abstellgleis auf ihr Ende warten. Dafür muss man aber gerade junge Menschen sensibilisieren. Zum Beispiel muss man den Kindern zeigen, dass sie keine Angst vor dem Opa haben müssen, nur weil er krank ist.

Als Medizinstudentin hast Du auch so oft mit dem Tod zu tun. Hat sich Deine Einstellung durch das Projekt geändert?

Es hat mir selbst geholfen, mich mit dem Thema Tod auseinanderzusetzen – nicht nur für mein Studium. Aber mit dem Tod selbst habe ich ja bei "Hospiz macht Schule" nichts zu tun. Die Arbeit mit den Kindern ist nur Theorie und macht  – das klingt jetzt vielleicht ein bisschen makaber – auch viel Spaß. Das Projekt ist eine Bereicherung für beide Seiten. Es ist sehr rührend für mich zu sehen, wie nahe man sich durch dieses Thema kommt. Ein Junge hat während der Woche zum Beispiel mit mir über die Scheidung seiner Eltern gesprochen. Das kam bei ihm hoch und ich habe gemerkt, wie gut es ihm getan hat, sich auszusprechen.

Welches Ereignis hat sich bei Dir besonders eingeprägt?

Am Ende der Woche kamen auch die Eltern und Großeltern der Kinder zu einem Abschlussgespräch. Ein Großvater war sehr skeptisch gegenüber unserem Projekt und grantelte: „Was lernt man denn da?“. Ein Mädchen hat geantwortet: „Dass man vor dem Tod keine Angst haben muss“.

(Interview: Sabrina Czechofsky)

Verena Heinrich (24) studiert im 10. Semester Medizin an der TUM. Nach ihrem Auslandssemester in Istanbul wurde sie auf das Projekt „Hospiz macht Schule“ aufmerksam und engagiert sich seit Anfang 2015 für das Hospiz- und Palliativnetzwerk im Landkreis München. Im Landkreis München gehen die Freiwilligen dafür ca. vier Mal im Jahr in Grundschulen und führen in Anwesenheit der Lehrer eine Projektwoche zu den Themen Leben, Sterben, Trauer, Trost und Trösten durch.

Jede/r kann mitmachen, die/der sich engagieren möchte. Nehmen Sie einfach Kontakt auf: Matthias Keitel, Hospiz- und Palliativnetzwerk, mobil (01 57) 72 99 66 41. Die Schulungen und Ausbildungen sind kostenlos.

Mehr Information:
Hospiz- und Palliativnetzwerk bei Facebook

Schulprojekt in der 3. Klasse: Themen rund um Tod und Sterben werden gemeinsam erarbeitet. (Foto: Matthias Keitel)
Schulprojekt in der 3. Klasse: Themen rund um Tod und Sterben werden gemeinsam erarbeitet. (Foto: Matthias Keitel)
Graue Wolken haben auch was Gutes: Sie bringen Regen. Collage bei "Hospiz macht Schule". (Foto: Matthias Keitel)
Graue Wolken haben auch was Gutes: Sie bringen Regen. Collage bei "Hospiz macht Schule". (Foto: Matthias Keitel)
Hilfe bei Krankheit: Bei "Hospiz macht Schule" tragen die Kinder ihre Ideen zusammen. (Foto: Matthias Keitel)
Hilfe bei Krankheit: Bei "Hospiz macht Schule" tragen die Kinder ihre Ideen zusammen. (Foto: Matthias Keitel)
Auch das wird im Projekt "Hospiz macht Schule" besprochen: Die Aufgaben eines Bestatters. (Foto: Matthias Keitel)
Auch das wird im Projekt "Hospiz macht Schule" besprochen: Die Aufgaben eines Bestatters. (Foto: Matthias Keitel)