Grundprinzipien der Hochschullehre

Lernzielorientierung und Kompetenzorientierung bilden das gemeinsame Fundament moderner Hochschullehre. Hier finden Sie eine kurze Einführung in diese beiden Grundprinzipien akademischer Didaktik.

Lernergebnisorientierung

Die Lernergebnisorientierung ist Ausdruck des “Shift from Teaching to Learning”, dem Perspektivenwechsel von „Welche Lehrinhalte möchte ich vermitteln?“ hin zu “Welche Lernziele sollen die Studierenden erreichen?”. Dieser Perspektivwechsel von der Vermittlungstätigkeit der Lehrenden hin zu den Lernaktivitäten der Studierenden ist wichtig, weil Lernen sich nicht automatisch aus der Lehre ergibt, sondern in einem komplexen Verhältnis dazu steht; die moderne Hochschullehre fokussiert über die Tätigkeit des Lehrens hinaus die Frage, wie der tatsächliche Lernprozess gefördert werden kann.

Aus der modernen Lehr- und Lernforschung wissen wir heute, dass die Metapher der „Wissensvermittlung“ nur unzureichend die komplexen Prozesse beim Lehren und Lernen beschreibt. Das Zitat „Bildung bedeutet nicht, ein Gefäß zu füllen, sondern eine Flamme zu entfachen“ (Aristophanes) spiegelt den aktuellen Stand unseres Wissens über einen effektiven Lehrprozess treffender wider.

Die Lernergebnisorientierung stellt das Erreichen des Lernerfolgs in den Mittelpunkt; sie fördert den Perspektivwechsel zum Lernprozess, indem sie nicht eine Sammlung von Inhalten oder Vermittlungstätigkeiten der Lehrenden in den Mittelpunkt stellt, sondern eine Sammlung von Lernergebnissen, die die Studierenden erreichen sollen. Gute Lehre besteht demzufolge aus Impulsen, die die Studierenden dabei unterstützen, von ihrem Vorwissen zu den angestrebten Lernergebnissen zu gelangen. Abhängig vom Vorwissen der Studierenden und der Niveaustufe der angestrebten Lernergebnisse ist ein frontaler Vortrag oft nicht der effizienteste Impuls. Kennen die Lehrenden den Wissenstand der Studierenden, können sie besser abschätzen, welche Lernangebote sie machen müssen. Eine kluge Abstimmung der Prüfung auf die Lernergebnisse (Constructive Alignment) erhöht die Transparenz für die Studierenden und führt dazu, dass sie gezielter und selbständiger auf das Erreichen der Lernergebnisse hinarbeiten. Auch dadurch ist die Definition von Lernergebnissen ein wichtiges Planungs- und Kontrollinstrument für die Hochschullehre.

Der im Rahmen des Bologna-Prozesses geforderte „Shift from teaching to learning“ wird langfristig einen fundamentalen Wandel der Lehr- und Lernkultur mit sich bringen und ist nicht mit dem Austausch von ein paar Begriffen und Methoden getan. Vielmehr sind die Lehrenden eingeladen, einen Rollenwandel zu durchlaufen, vom Wissensvermittler hin zum Lernbegleiter. Der Fokus auf Lernergebnisse fordert Lehrende wie Lernende gleichermaßen; wenn aber beide erleben, dass sie gemeinsam die Verantwortung für den Lernerfolg tragen, öffnen sich neue Räume für Offenheit und Kreativität und macht Lehren und Lernen auch mehr Spaß.

Tipps:
  • Wenn erfolgreiches Lernen zum Thema wird, kann es Dozenten helfen, sich zurückzuversetzen: Wann, wo und wie habe ich gut gelernt? Wann nicht so gut?
  • An Lernergebnissen kann man sich nur orientieren, wenn sie so formuliert sind, dass die Studierenden einen Lernerfolg daran auch ablesen können und erkennbar ist, wie weit man bisher noch entfernt ist und wann man es erreicht hat.
  • Die Studierenden sollen mehr Verantwortung für ihren Lernprozess tragen. Gerade in den ersten Semestern müssen Studierende darin unterstützt werden, ihre Verantwortung wahrnehmen zu können. Beispielsweise sollten Lernkompetenzen gefördert werden, Erwartungen an die Studierenden offen kommuniziert werden.

Kompetenzorientierung

Kompetenzorientierung beschreibt ein Bündel von Strategien, um bei unseren Absolventinnen und Absolventen träges Wissen zu reduzieren. Stattdessen sollen die Studierenden in der Lage sein, Wissen in Handeln zu überführen. Das erfordert einerseits die nachhaltige Integration von Wissen, Werthaltungen und Fertigkeiten in das persönliche Kompetenzprofil und andererseits den Transfer auf komplexe Situationen.

Träges Wissen bezeichnet theoretisch vorhandenes Wissen, das jedoch nicht in Handeln umgesetzt werden kann. Studierende erwerben in den universitären Vorlesungen viel Wissen, das sich nur bedingt in Handlungskompetenz niederschlägt; viele klassische Prüfungsformate verstärken diesen Effekt. Um dem entgegenzuwirken, wird gefordert, stärker eine kompetenzorientierte Perspektive in der Hochschullehre einzunehmen: Die Lehre soll sich dabei nicht an dem Wissenskanon des jeweiligen Fachs orientieren, sondern an den Handlungskompetenzen, die die Absolventen beherrschen sollen. Dabei soll Faktenwissen aber nicht gegen Kompetenz ausgespielt werden, denn Wissen ist notwendiger Bestandteil von Kompetenzen und muss mitunter als Basis auch einfach mal auswendig gelernt werden.

Kompetenzen werden vor allem handelnd erworben und können daher nur teilweise beigebracht oder gelehrt werden. Um Studierende dabei zu unterstützen, erworbenes Wissen und Fertigkeiten in Handlungskompetenz umzusetzen, müssen im Rahmen der universitären Ausbildung Handlungsräume angeboten werden, in denen die Studierenden sich in praxisnahen Situationen ausprobieren und handelnd erfahren können. Dabei spielt qualifiziertes, wertschätzendes und ehrliches Feedback eine entscheidende Rolle. So entwickelt sich aus Erlebtem reflektierte Erfahrung, so kann der Studierende konstruktiv seine Handlungsfähigkeit ausdifferenzieren.

Tipps:
  • Kompetenzen, verstanden als kontrolliertes und gezieltes Handeln in komplexen Situationen, können am ehesten in praxisnahen Situationen erworben werden. Dabei sind Simulationen, Rollenspiele, Übungsfirmen gut geeignet für kreatives Probehandeln und Lernen in zunehmend komplexen Realitäten.
  • Reflexion und Rückmeldung sind unverzichtbare Bestandteile des Kompetenzerwerbs. Der wiederkehrende Zyklus von Handeln, Reflexion und Feedback durch Experten muss beständig wiederholt werden.
  • Kompetenzen werden in Handlungen und Tätigkeiten beobachtbar und sind somit auch prinzipiell prüfbar. Kompetenzorientierte Prüfungen sind tendenziell sehr aufwändig und es ist nicht leicht, dafür objektive Bewertungsstandards zu entwickeln; der Aufwand aber lohnt sich, insbesondere weil Prüfungen signifikant steuern, was und wie Studierende lernen, und insofern ein gutes Instrument sind, Studierende zum Tiefenlernen zu motivieren.