"Deutschland ist meine zweite Heimat." TUM-Student Wiyar Sharif stammt aus Afghanistan und erhält das Deutschlandstipendium. (Foto: Maren Willkomm)
"Deutschland ist meine zweite Heimat." TUM-Student Wiyar Sharif stammt aus Afghanistan und erhält das Deutschlandstipendium. (Foto: Maren Willkomm)
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Deutschlandstipendiat Wiyar Sharif:Afghanistan bleibt im Hinterkopf

Als Wiyar Sharif vier Jahre alt war, flohen seine Eltern zusammen mit ihm und seinen vier Geschwistern von Afghanistan nach Deutschland. Die Familie des TUM-Studenten musste sich hier ein ganz neues Leben aufbauen und Fuß fassen. Heute studiert der 24-jährige Bauingenieurwesen und erhält seit diesem Semester das Deutschlandstipendium an der TUM. Im Interview mit TUMstudinews-Reporterin Sabrina Czechofsky erzählt Wiyar, was er erlebt hat und was seine Pläne sind.

Wiyar, Deine Eltern sind 1994 mit Euch fünf Kindern von Afghanistan nach Deutschland geflohen. Wie war Eure Situation damals?

Wir haben damals in der Hauptstadt Kabul gelebt. Meine Mutter war Frauenärztin in einer Klinik und mein Vater hatte eine gute Position im Verteidigungsministerium. Schon damals waren in Afghanistan politische Unruhen. In Kabul war das besonders schlimm, es herrschten Chaos und Anarchie. Oft wurde die Stadt von Bombenangriffen heimgesucht. Meine Eltern haben beschlossen, dass es zu gefährlich für unsere Familie ist, zu bleiben. Wir sind 1993 ins benachbarte Pakistan geflohen und über viele Umwege schließlich in Münchberg in Brandenburg gelandet.

Du warst damals doch sehr klein. Kannst Du Dich an all diese Erlebnisse noch erinnern?

Ja, ich kann mich an alles noch sehr genau erinnern. Auch an die Flucht. Das war schlimm, zumal wir ja nicht wussten, ob wir alle zusammenbleiben würden. In Münchberg haben wir dann in einem Asylantenheim gewohnt, bis der Antrag bewilligt wurde. Meine älteren Brüder gingen in die Schule und meine Schwester, mein kleiner Bruder und ich besuchten den Kindergarten und lernten schnell Deutsch. Meinen Eltern war es sehr wichtig, dass wir alle eine gute schulische Bildung bekommen.

Heute studierst Du Bauingenieurwesen an der TUM. Warum hast Du Dich für diesen Studiengang entschieden?

Bedeutende und berühmte Bauwerke wie der Olympiaturm oder die Allianz Arena haben mich schon immer fasziniert. Besonders wollte ich die Projektsteuerung und das Projektmanagement, die hinter solchen komplexen Bauvorhaben stecken, erlernen. Außerdem hatte ich immer schon im Hinterkopf irgendetwas zu machen, was sich mit Afghanistan verbinden lässt. Und was passt in einem zerstörten Land besser, als meine Fachkenntnisse aus dem Bauingenieurstudium für den Wiederaufbau einzusetzen.

Das heißt, Du möchtest eines Tages nach Afghanistan zurückgehen?

Ganz zurückzugehen kann ich mir nicht vorstellen. Deutschland ist mittlerweile meine zweite Heimat. Trotzdem ist es aber mein Traum, Projekte in Afghanistan zu begleiten und mich am Wiederaufbau des Landes zu beteiligen. Es ist kein Geheimnis, dass ich in meiner Biographie sehr viel Glück hatte. Dafür bin ich sehr dankbar. Und von dem, was mir zuteil wurde, möchte ich etwas an andere zurückgeben.

Seit diesem Semester erhältst Du das Deutschlandstipendium der TUM. Was bedeutet das für Dich?

Dass ich das Deutschlandstipendium bekommen könnte, habe ich am Anfang gar nicht gedacht (lacht). Glücklicherweise hat es dieses Semester geklappt. Natürlich ist das super. Jetzt muss ich neben dem Studium nicht mehr jobben und habe mehr Zeit. Aber auch die ideelle Förderung ist mir wichtig, der direkte Kontakt zu meinem Förderer und zur Wirtschaft. Und die anderen Stipendiaten sind alle nett und aufgeschlossen - ein tolles Netzwerk, in dem ich mich gut aufgehoben fühle.

Was hast Du aus Deiner Situation gelernt?

Mein ehemaliger Fußballtrainer hat immer gesagt: "Gib niemals auf!". Ich glaube, das ist ein ganz wichtiger Satz. Egal was im Leben kommt - manchmal sind es Erfolge, aber auch Niederlagen gehören dazu, nur aufgeben darf man eben nie, sondern immer weiter an sich glauben. Auch wenn ich perfekt Deutsch spreche, habe ich es in Deutschland nicht immer leicht gehabt. Ich habe mir auch angewöhnt, auf andere Menschen offen und freundlich zuzugehen. Für eine gute Integration und ein besseres Zusammenleben finde ich das sehr wichtig.

Für das Deutschlandstipendium kann sich jede/r Studierende der TUM bewerben. Neben akademischen Leistungen werden auch weiche Faktoren sowie der familiäre Hintergrund und Engagement bei der Auswahl berücksichtigt. Auch mehrmalige Bewerbungen sind möglich. Die Stipendiat/innen erhalten monatlich eine finanzielle Unterstützung in Höhe von 300 Euro und können an Zusatzangeboten der jeweiligen Förderer teilnehmen.

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