Helmut Jahn im Jahr 2012 bei der Verleihung der TUM-Ehrenprofessur.
Bild: Astrid Eckert / TUM
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Zum Tode von Helmut Jahn: Interview mit dem Stararchitekten und TUM-Alumnus„Die Zukunft lässt sich nicht durch Vorschriften bauen, sondern durch Ideen“

Der gebürtige Franke Helmut Jahn studierte an der Technischen Universität München. Mit 26 Jahren wanderte er nach Chicago aus, baute seine Träume Stück für Stück in der Realität auf und wurde zu einem einer der bedeutendsten Architekten der Welt. Am 8. Mai 2021 verunglückte er tödlich bei einem Fahrradunfall. Lesen Sie hier unser Interview mit Helmut Jahn über Bauwerke, Sehnsucht und Segeln aus dem Jahr 2016.

Auf die Frage, welches seiner Gebäude sein Favorit sei, antwortet Helmut Jahn einfach: „Das nächste.“ Mit dieser Energie gestaltet er einzigartige Industriearchitektur. Vom Frankfurter Messeturm über den Sony Center in Berlin und die Flughäfen in Chicago, Bangkok und München bis hin zum Post Tower in Bonn oder den Veer Towers in Las Vegas – Jahn hat mit seinen teils monumentalen Bauten aus Stahl und Glas Architekturgeschichte geschrieben. Betritt man seine Gebäude wird man umhüllt von Licht und Luft. Auch liebt er es, hoch zu stapeln, was ihm den Beinamen „Turmvater Jahn“ einbrachte.

TUM: Fühlen Sie sich mehr als Künstler oder als Baumeister?

JAHN: Ein guter Architekt muss in erster Linie ein Pragmatiker sein. Das Gebäude, das er entwirft, muss seinen Zweck erfüllen und gleichzeitig durchführbar sein. Ich sehe meinen Platz im Spannungsfeld zwischen Strukturellem und Ästhetischem. Aber jedes Werk sollte bestenfalls die Grenzen der Bautechnik weiter nach vorne bringen.

Wie fühlt man sich eigentlich, wenn man gerade vor einem leeren Blatt Papier sitzt und ein Gebäude entwerfen soll, das von unzähligen Menschen betreten wird?

Ich entwerfe immer noch selbst und lasse diese Arbeit nicht den Computer machen. Dadurch ist natürlich auch das Gefühl immer anders. Bei manchen Projekten sehe ich sehr schnell das Problem und habe auch sofort eine Idee dafür. Dann gibt es die anderen Projekte, bei denen ich Tage, Wochen oder sogar Monate nach Lösungen suche. Ich bin eigentlich nie zufrieden, bevor ich wirklich am Ende des Projekts bin. Das beschäftigt mich dann so sehr, dass ich überall darüber nachdenke. Das Schönste ist, wenn das Gebäude fertig ist und nicht nur so aussieht, wie ich es mir ausgedacht habe, sondern sogar noch viel besser.

Muss man als Architekt Idealist sein?

Das Wort Idealismus ist als Begriff nicht stark genug. Man braucht mehr als das. Architektur lebt man, man atmet sie und man ist 24 Stunden am Tag in dieser Materie. Sie ist eine ganze Lebensauffassung, eine Philosophie.

Wie entsteht konkret die Idee eines Gebäudes?

Am Anfang steht immer die Skizze, die Zeichnung, die ich selbst anfertige. Dann bauen wir verschiedene Modelle. Oft zeigen sie bereits ziemlich genau die Originalität des späteren, fertigen Bauwerks. Dieser Prozess ist ein reiner Denkprozess und kann nicht vom Computer ausgeführt werden.

Inwiefern hat sich Ihre Arbeitsweise im Laufe der Jahre verändert?

Meine Arbeit hat sich über die Jahre in einer interessanten Art und Weise geändert. Ich fing in Chicago an und bald bauten wir für den gesamten amerikanischen Markt. Dann setzten wir Projekte in Südafrika um und von dort aus wechselten wir nach Europa. Hier folgten Paris, Rotterdam, Genf und Warschau. Dann gingen wir nach Japan, China und Korea.

Welches Ihrer eigenen Werke mögen Sie am meisten?

Sehen Sie, mit Gebäuden verhält es sich doch so wie mit den eigenen Kindern: Man liebt sie alle. Selbst wenn das eine oder andere von ihnen Macken hat.

Gibt es besondere Voraussetzungen für ein kreatives Vorgehen?

Die besten Ideen bekommt man nicht im Büro oder am Zeichentisch, die besten Ideen bekommt man in Bewegung. Ich persönlich habe viele gute Ideen, wenn ich fliege.

Sie sprachen einmal von der „Mutlosigkeit der Berliner Architektur“ – wie meinen Sie das?

Die Zeit nach der Wende, als ein Großteil der Gebäude in Berlin wieder aufgebaut wurde, ist nun zu einem Ende gekommen. Momentan wird natürlich viel gebaut, aber das ist keine Architektur mehr! Das hängt damit zusammen, wie die Stadtplanung denkt. Das mutige und fortschrittliche Denken, das den europäischen Charakter bewahrt hat, ist doch zum großen Teil gelungen. Was aber jetzt folgen müsste, ist das Bewusstsein der Bedeutung Berlins für Europa. Dementsprechend sollten Zeichen gesetzt werden.

Warum investieren viele Unternehmen heute kein Geld mehr in visionäre Architektur?

Weil in den meisten Firmen nicht mehr diese Unternehmenskultur besteht, dass man die Qualität des Arbeitens für wichtig hält. Heute zählt nur, dass man irgendwo möglichst viel einsparen kann. Aber wir brauchen Bauten, die Wahrzeichen werden. Wir machen zurzeit einen Wettbewerb für eine Versicherung, und da ist bereits im Vorfeld die Devise ausgegeben worden, dass man keine spektakuläre Architektur will.

Welche Probleme sehen Sie speziell hier in Deutschland?

Das Problem in Deutschland ist, dass es zu viele Vorschriften und Bedenken gibt. So können Sie Träume nicht verwirklichen! Da gibt es jetzt eine neue Energieverordnung, die ist der größte Blödsinn, den es gibt. Denn was da drin steht, kann man nie erreichen. Die Zukunft lässt sich nicht durch Vorschriften bauen, sondern durch Ideen! Ideen wollen eine bessere Welt schaffen. Und Architektur ist immer da, und das kann man nicht mit Vorschriften nivellieren.

Welche Voraussetzungen müssen Ihrer Meinung nach für eine gute Architekturausbildung gegeben sein?

Ich hatte das Glück – das hat mir unglaublich weitergeholfen –, dass ich während meines Studiums an der TUM eine sehr gute technische Ausbildung genossen habe. Ich habe wirklich gelernt, wie man ein Gebäude baut. Leider fehlt das heute in vielen Schulen. So will beispielsweise in Amerika jeder Designer werden. Wir jedoch wollten anfangs erst einmal von den großen Meistern lernen. Meiner Meinung nach fehlt diese Lernperiode vielen Architekten, die ihre Schule verlassen.

Warum sind Sie Stifter?

Ich unterstütze die TUM Universitätsstiftung, weil mein Studium dort die Basis für meine Architektur schaffte und meine berufliche Entwicklung bestimmte.

Sie sind leidenschaftlicher Segler, holen mit Ihrem Sohn regelmäßig Weltmeistertitel. Gibt es eine Ähnlichkeit zwischen dem Segeln und dem Planen von Bauten?

Segeln ist das Einzige, wobei ich nicht an Architektur denke. Segeln ist ja immer mit einer gewissen Gefahr verbunden, man ist dem Wetter ausgeliefert. Und das lässt sich nur mit Können meistern. Man muss die Gefahren kennen, damit man die Widrigkeiten meistern kann. Das ist in gewissem Sinne ähnlich mit der Architektur. Wenn ich ein kühnes Gebäude entwerfe, brauche ich auch die besten Ingenieure, die ich einbeziehen kann. Im Boot sind wir auch nicht alleine. Wenn einer einen Fehler macht, verlieren wir alle die Regatta. Abgesehen davon entspannt mich das Segeln einfach.

Das Interview wurde zum ersten Mal 2016 in der Broschüre „seit 1868. Technische Universität München“ veröffentlicht.

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