TUM – Technische Universität München Menü
Prof. Weisser und Prof. Lewinsohn (Foto: TU München)
Prof. Wolfgang Weisser (links) und Prof. Thomas Lewinsohn (Bild: A. Heddergott / TUM)
  • Campus

Prof. Wolfgang Weisser und TUM-Ambassador Prof. Thomas Lewinsohn im Interview

Auch in der Wissenschaft ist Diversität ein Pluspunkt

Sie forschen im selben Fachgebiet, der terrestrischen Ökologie – der eine in Brasilien, der andere in Deutschland: die Professoren Thomas Lewinsohn (Campinas) und Wolfgang Weisser (Freising). Trotz der Entfernung  kooperieren sie seit Jahren und haben jüngst in "Nature" eine Studie zusammen mit 43 weiteren Forscherinnen und Forschern veröffentlicht. Thomas Lewinsohn hielt zudem als August-Wilhelm-Scheer-Gastdozent Vorlesungen am Wissenschaftszentrum Weihenstephan und wurde kürzlich zum TUM Ambassador ernannt. Im Interview sprechen die beiden über Forschung und Lehre über zwei Kontinente.

TUM: Wie lange arbeiten Sie schon miteinander?

Professor Thomas Lewinsohn: Professor Weisser und ich kannten uns noch von früher, wir haben dann vor rund fünf Jahren den Faden wieder aufgenommen. Es kam zunächst zu Austauschbesuchen – erst gab es einen Besuch von mir an der TUM und Professor Weisser an der UNICAMP, dann kamen eine Doktorandin und ein Forscher von der TUM zu uns nach Brasilien, später ging wiederum einer unserer Doktoranden an die TUM nach Freising. Wir haben zuerst ein wenig "geprobt", an welchen Themen wir am besten zusammen arbeiten könnten. Anhand von experimentellen Versuchen an pflanzenfressenden Insekten konnten wir herausarbeiten, wie wir experimentelle Resultate und Datenanalysen gemeinsam angehen können. Und dann hatten wir ein Projekt vom DAAD über vier Jahre gefördert.  

Professor Wolfgang Weisser:  Am „Qualitätsnetz Biodiversität“ TUMBRA, einer Partnerschaft der TUM mit drei BRAsilianischen Universitäten war Herr Lewinsohn federführend beteiligt und organisierte 2012 den ersten Workshop in Campinas zu „Theoretischen Grundlagen der nachhaltigen Nutzung und zum Schutz temperater und tropischer Ökosysteme“. Dieses Netzwerk, an dem neben der UNICAMP noch die staatlichen Universitäten in Natal, Nordost-Brasilien und Porto Alegre im Süden teilnahmen, wurde über vier Jahre vom DAAD gefördert und war sehr erfolgreich in der Schaffung enger Kooperationen – sowohl zwischen Deutschland und Brasilien als auch innerhalb Brasiliens. Der Kollege ist sehr an der Vermittlung ökologischer Grundlagen interessiert und hat in Brasilien am Aufbau von Graduiertenprogrammen federführend mitgewirkt. 2013 haben wir im Nationalpark Bayerischer Wald einen Workshop über Lehrkonzepte in der Ökologie abgehalten und zusammen mit Frau Spiekermann und Kolleginnen von ProLehre einen schönen Artikel über problembasierte Ansätze der Vermittlung von ökologischen Konzepten publiziert, mit Herrn Lewinsohn als Erstautor. Unsere Zusammenarbeit erstreckt in der Zwischenzeit auf eine Reihe von Feldern.

Wieso sind solche Kooperationen von Wissenschaftlern Ihrer Erfahrung nach trotz der Entfernung sinnvoll – immerhin liegen rund 10.000 Kilometer zwischen Ihnen und Professor Weisser?

Lewinsohn: Wissen Sie, die beiden Länder oder Naturregionen sind sehr kontrastierend, da kann jemand mit einem Blick von außen – natürlich mit entsprechendem Fachwissen – oft wertvolle neue Perspektiven einbringen. Es hilft dem Wissenschaftler im Prozess seiner Arbeit, wenn einer das von einer völlig anderen Seite betrachtet. Hinzu kommt der vertikale Austausch zwischen jungen Wissenschaftlern und erfahreneren, das bringt schon sehr viel. Ganz grundsätzlich hilft es natürlich immer, mit einer gewissen Distanz auf ein Thema zu schauen.

Weisser:  Brasilien ist führend in ökologischen Konzepten und Naturschutzansätzen ist. Naturschutz ist dort deutlich wissenschaftsbasierter als in Deutschland, da können wir in der Tat eine Menge lernen. Die Zusammenarbeit ist auf Augenhöhe und wir profitieren sehr stark von der der jeweils anderen Perspektive. In Brasilien geht es beispielsweise noch darum, Wildnisgebiete zu schützen und zu renaturieren, und brasilianische Wissenschaftler sind führend in der Entwicklung und Anwendung von Methoden zur Schutzgebietsauswahl. In Deutschland gibt es schon lange keine Wildnis mehr, aber wir beschäftigen uns stärker mit der Nachhaltigkeit der Nutzung, also wie Produktion und die Erhaltung von Ökosystemleistungen kombiniert werden kann. Wir sind auch erfahren im Erhalten der Kulturlandschaften – hier wiederum können brasilianische Wissenschaftler neue Erkenntnisse gewinnen.

Bevorzugen Sie dabei ein bestimmtes Vorgehen?

Lewinsohn: Wir setzen uns zusammen und machen ein Brainstorming oder wir gehen ganz systematisch die Daten durch. Über den neuen Aspekt des anderen entstehen neue Ideen und so kommt es zu neuen Projekten, das ist sehr fruchtbar, vor allem für ökologische Forschungsvorhaben.  

Weisser: Die ungezwungene Diskussion, bei einem Kaffee oder einem Glas Wein hat schon so manche Idee entstehen lassen. Brasilianische Wissenschaftler sind viel diskussionsfreudiger als deutsche und meine ganze Arbeitsgruppe profitiert von dem Austausch. Herr Lewinsohn ist breit aufgestellt und arbeitet schon lange auf dem Gebiet, dies hilft sehr, Querbezüge und Anknüpfungspunkte herzustellen. Dies ist uns etwa bei der Erstellung unserer kürzlich in Nature erschienenen Arbeit sehr zugutegekommen.

Wer profitiert neben den Wissenschaftlern noch von dem Austausch?

Lewinsohn: Für die Studierenden ist es möglich, etwa bei einer gemeinsam gehaltenen Lehrveranstaltung, eine andere Art der wissenschaftlichen Annäherung an ein Thema zu erleben oder auch einmal ganz neue Beispiele zu hören, die etwa Wolfgang Weisser nicht nennen würde.

Weisser: Für die Studierenden ist es ein besonderes Erlebnis, über tropische Gebiete von jemandem unterrichtet zu werden, der dort geforscht hat. Ich habe in Brasilien an Feldkursen für Studenten mitgewirkt und würde sagen, dass meine Lehrveranstaltungen von der Erfahrung profitieren. Andererseits bin ich der Meinung, dass durch die Zusammenarbeit mit Herrn Lewinsohn und anderen brasilianischen Wissenschaftlern unsere Konzepte zur Erhaltung der Biodiversität und der nachhaltigen Nutzung von Ressourcen deutlich besser werden. Davon profitieren dann alle, die dies anwenden.

Sie haben vor kurzem als internationales Team zusammen mit rund 40 anderen eine große Forschungsarbeit in "Nature" platzieren können und dabei stellt sich die Frage: Können Sie die Resultate auch auf Brasilien übertragen?

Lewinsohn: Wir können das Fazit nicht direkt auf Brasilien anwenden, da ist die Diversität viel größer, außerdem die Landesbesitzstruktur und die ökonomischen Bedingungen auch ganz anders. Aber die Herangehensweise an eine so umfangreiche und komplexe Biodiversitäts-Feldstudie fehlt uns, daher ist das Fazit für mich: Wir brauchen in Brasilien einen ähnlichen Forschungsansatz und können vieles von der Erfahrung in Deutschland in der Entwicklung und der Durchführung großer Verbundprojekte lernen.

Weitere Informationen

In den vergangenen Jahrzehnten waren viele Gastwissenschaftler und -wissenschaftlerinnen für kürzere oder längere Aufenthalte an der Technischen Universität München. Mit ihrer fachlichen Expertise und ihren internationalen Erfahrungen haben sie die Universität bereichert. In Anerkennung ihrer Verdienste wird jedes Jahr ausgewählten internationalen  Forscher-Alumni durch den Präsidenten der TUM der Ehrentitel „TUM Ambassador“ verliehen, stellvertretend für alle TUM Forscher-Alumni weltweit.

Corporate Communications Center

Technische Universität München Sabine Letz
sabine.letz(at)tum.de

Weitere Artikel zum Thema auf www.tum.de:

Prof. Stefan Burdach (r.), Lehrstuhl für Kinder- und Jugendmedizin, diskutiert mit seinem Gast von der University of British Columbia, Prof. Poul Sorensen, Forschungsergebnisse in der Krebsmedizin.

Internationaler Impuls für Forschung und Lehre

Die Technische Universität München (TUM) hat 20 herausragende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus fünf Kontinenten für ihr „August-Wilhelm Scheer Gastprofessorenprogramm“ ausgewählt. Das Programm ermöglicht...