TUM – Technische Universität München Menü
Computergrafik eines Herzmuskels.
Herzinfarkte gelten als Männerkrankheit. Für Frauen ist das Risiko, in den ersten 365 Tagen nach einem Infarkt zu sterben, jedoch deutlich höher. (Bild: Nerthuz/ iStockphoto.com)
  • Forschung

Frauen sterben häufiger als Männer mit vergleichbaren Risikofaktoren

Herzinfarkt: Das gefährliche erste Jahr

Herzinfarkte sind für Frauen bedrohlicher als für Männer. Ein Team der Technischen Universität München (TUM) hat jetzt herausgefunden, dass Frauen insbesondere im ersten Jahr nach einem Infarkt einem deutlich höheren Risiko ausgesetzt sind, zu sterben, als Männer mit vergleichbarer Krankengeschichte. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler appellieren deswegen an die behandelnden Ärzte, gerade in den ersten 365 Tagen Infarktpatientinnen besonders intensiv zu betreuen.

Herzinfarkte gelten nach wie vor als Männerkrankheit. Das stimmt insofern, als dass Männer ungefähr zwei Drittel der Patienten ausmachen, die wegen Infarkten stationär behandelt werden. Studien aus den vergangenen Jahren zeigen aber, dass Frauen öfter an Herzinfarkten und ihren Folgen sterben als Männer. Einer der Gründe dafür ist, dass Frauen „andere“ Herzinfarkte bekommen: Zum Zeitpunkt des Infarkts sind sie statistisch gesehen zehn Jahre älter und haben häufiger Begleiterkrankungen wie Diabetes. Zudem werden Infarkte bei Frauen seltener durch lokale Gefäßverengungen ausgelöst, die vergleichsweise leicht erweitert werden können. Stattdessen sind die Herzarterien häufiger diffus befallen; lokale Dehnungsversuche sind in diesen Fällen wenig aussichtsreich.

„Wir wollten herausfinden, ob die Gefahr, nach einem Herzinfarkt zu sterben für Frauen auch dann größer ist, wenn man solche Faktoren herausrechnet“, beschreibt Erstautorin Dr. Romy Ubrich den Ansatz ihrer Untersuchung. Als Grundlage der Arbeit dienten Patientendaten, die in zwei Studien („ISAR-RISK“ und „ART“) mit insgesamt rund 4100 Teilnehmerinnen und Teilnehmern gesammelt wurden.

Risiko 1,5 mal so hoch

„Schaut man sich den gesamten Untersuchungszeitraum von fünf Jahren nach dem Herzinfarkt an, gibt es keine auffällig großen geschlechtsspezifischen Unterschiede, wenn man Faktoren wie Alter, Begleiterkrankungen und Art der Behandlung herausrechnet“, sagt Romy Ubrich. „Überrascht haben uns aber die Daten für die ersten 365 Tage nach dem Infarkt: In diesem Zeitraum starben Frauen mehr als anderthalb mal so häufig wie Männer.“

Dafür gibt es verschiedene mögliche Gründe. Prof. Georg Schmidt, Kardiologe in der Klinik und Poliklinik für Innere Medizin I des TUM-Universitätsklinikums rechts der Isar und Letztautor der Studie, vermutet, dass gesellschaftliche und psychische Gründe eine wichtige Rolle spielen. „Im Alltag werden nach einem Herzinfarkt oft andere Anforderungen an Frauen gestellt, als an Männer. Sie sollen schneller wieder 'funktionieren' und sind dadurch größeren Belastungen ausgesetzt“, sagt Georg Schmidt. Ein weiterer wichtiger Faktor sind depressive Erkrankungen. Studien haben gezeigt, dass diese nicht nur für sich genommen gefährlich sind, sondern auch einen Risikofaktor bei anderen Erkrankungen darstellen.

Besondere Sorgfalt im ersten Jahr

In den Studien, aus denen die Daten für die aktuelle Untersuchung stammen, wurden sogenannte psychosoziale Faktoren allerdings nicht erfasst. Zukünftige Studien müssten zeigen, ob diese der Hauptgrund für die festgestellten Unterschiede sind, oder ob es andere, möglicherweise biologische Gründe gibt, sagt Georg Schmidt. In jedem Fall seien jetzt die Ärztinnen und Ärzte von betroffenen Frauen gefragt: „Unsere Studie zeigt, dass es im ersten Jahr nach einem Infarkt wichtig ist, sich besonders intensiv um Infarktpatientinnen zu kümmern.“

Schmidts Appell richtet sich insbesondere an Hausarztpraxen: „Die Kolleginnen und Kollegen müssen in Hinblick auf die soziale Situation der Patientinnen aufmerksam sein und versuchen, Hilfestellungen zu geben. Gerade nach Anzeichen von Depressionen muss stärker Ausschau gehalten werden. Wenn man solche Anzeichen bemerkt, ist es wichtig, die Patientinnen schnell an Fachpraxen zu vermitteln, um gegebenenfalls möglichst bald mit einer Therapie beginnen zu können.“

Publikation:

R. Ubrich, P. Barthel, B. Haller, K. Hnatkova, K.M.Huster, A. Steger, A. Müller, M. Malik, G. Schmidt."Sex differences in long-term mortality among acute myocardial infarction patients: Results from the ISAR-RISK and ART studies". PLOS ONE 12(10): e0186783 (2017). DOI: 10.1371/journal.pone.0186783

Kontakt:

Prof. Dr. Georg Schmidt
Klinik und Poliklinik für Innere Medizin I, Kardiologie
Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München
Tel: +49 89 4140 7979
Mail: gschmidt(at)tum.de

Corporate Communications Center

Technische Universität München Paul Hellmich
paul.hellmich(at)tum.de

Weitere Artikel zum Thema auf www.tum.de:

Röntgenbild eines Patienten mit implantiertem Defibrillator.

Wem hilft ein Defibrillator?

Implantierbare Defibrillatoren retten Leben, bergen aber auch Risiken. Das EKG-Verfahren „Periodic Repolarization Dynamics“ hilft, Patienten zu identifizieren, die wahrscheinlich von einer Implantation profitieren. Das...

Ein Stent.

Medikamenten-Schicht hilft nur kurzfristig

Bei Bypass-OPs werden Umleitungen um verengte Herzgefäße gebaut. Doch auch diese können sich verschließen. Oft werden sie mit Stents geöffnet. Manche Stents sind mit Medikamenten beschichtet, um Verengungen zu verhindern....

Ein Elektroauto auf dem Rollenprüfstand der Technischen Universität München.

Schrittmacher auf dem Rollenprüfstand

Menschen mit Herzschwäche oder Herzrhythmusstörungen wird oft ein Herzschrittmacher oder ein Defibrillator eingesetzt. Diese sind anfällig für elektromagnetische Interferenzen, die auch in Elektroautos potenziell auftreten...

Angstgestörte Patienten kommen in einer akuten Herzinfarkt-Situation früher in die Notaufnahmen. Die Diagnose mittels eines Elektrogardiogramms (EKG, s. Bild) und eine medikamentöse Therapie können dann schneller stattfinden, was die Überlebenschance verbessert. (Bild: johan63 / istockphoto)

Ängste schützen bei Herzattacke

Angst schützt den Menschen vor Gefahren. Ein Team der Technischen Universität München (TUM) und des Helmholtz Zentrums München hat herausgefunden, dass das sogar für eine krank-haft verstärkte Angst gilt. Patientinnen, die...

Das Herz: Motor unseres Lebens. (Foto: Nerthuz / iStock)

50 Jahre Herztransplantation: Was kann Medizin heute leisten?

Ohne ein funktionierendes Herz kann der Mensch nicht überleben. Ein Herz schlägt im Jahr bis zu 36 Millionen Mal und versorgt dabei 100.000 Kilometer Blutgefäße im Körper. In Europa warten mehr als tausend herzkranke...

Prof. Stefan Engelhardt (r.) mit Petros Avramopoulos.

Hemmung von miR-29 schützt vor Herzfibrosen

Bei Herzfibrosen vermehrt sich Bindegewebe im Herzmuskel und schränkt dessen Funktion ein. Ein Team der Technischen Universität München (TUM) hat jetzt herausgefunden, dass microRNA 29 – kurz miR-29 – eine wichtige Rolle...

Eine schematische Zeichnung eines Herzmuskels.

Der Herzatlas

Ein gesundes Herz schlägt etwa zwei Milliarden Mal im Leben. Dafür sorgen mehr als 10.000 Proteine. Welche und wie viele einzelne Proteine in welchen Zelltypen vorhanden sind, haben jetzt Forscherinnen und Forscher des...

Dr. Markus Krane operiert am Deutschen Herzzentrum München mit der Ozaki-Methode. (Bild: A. Heddergott / TUM)

Mit Schablone zur neuen Herzklappe

Mit einer neuen Methode können Ärzte Herzklappen aus körpereigenem Gewebe vollständig wieder herstellen. Weltweit wird dieses OP-Verfahren nur an einer Handvoll Zentren angewandt. Seit kurzem operiert PD Dr. Markus Krane,...

Aufnahme der Blutgefäße auf einem Herzmuskel.

Verschwindende Äderchen

Eine Diabetes-Erkrankung erhöht das Herzinfarkt-Risiko deutlich. Einen der Gründe dafür hat jetzt ein Team der Technischen Universität München (TUM) identifiziert: Bei Diabetes lösen sich kleine Blutgefäße um das Herz auf....

Ein Mann sitzt auf einer Bank und stützt den Kopf auf die Arme.

Depressive Erkrankungen schlagen aufs Herz

Depressionen bergen für Männer ein ähnlich großes Risiko für Herzkreislauferkrankungen wie hohe Cholesterinwerte oder Fettleibigkeit. Das hat ein Team aus Forscherinnen und Forschern der Technischen Universität München...

Im Labor gezüchtete Herzzellen werden mithilfe von Quallenproteinen zum Leuchten gebracht. (Foto: Alessandra Moretti /TUM)

Leuchtende Herzzellen

Für die Erforschung von Erkrankungen wie Herzrhythmusstörungen spielen Zellmodelle aus Stammzellen eine zunehmend wichtige Rolle. Forscherinnen und Forschern der Technischen Universität München (TUM) ist es gelungen, Zellen...

Computergrafik eines menschlichen Körpers mit hervorgehobenem Herz

Aufschlussreiche Unregelmäßigkeiten

Aus der Herzfrequenz lassen sich Rückschlüsse auf die Lebenserwartung eines Menschen ziehen. Ein Forschungsteam der Technischen Universität München (TUM) hat sich dazu einen Effekt zunutze gemacht, der zunächst paradox...

Deutsches Herzzentrum der TU München - Foto: DHM / TUM

Mutiertes Gen schützt vor Herzinfarkt

Träger einer bestimmten Genmutation haben ein 50 Prozent geringeres Herzinfarktrisiko. Dies fand ein internationales Forscherteam unter Leitung des Kardiologen Prof. Heribert Schunkert, Ärztlicher Direktor des Deutschen...