Podcast „We are TUM“ – Transkript zur vierzehnten Folge

„Tatsächlich findet dieser Wettbewerb um die besten Köpfe auf höchster internationaler Ebene hauptsächlich statt, also unsere Konkurrenten, wenn man sie so nennen möchte, sind da Universitäten wie Harvard, das MIT, natürlich die ETH Zürich, die britischen Universitäten, die Eliteuniversitäten dort. Das ist die Liga, in der wir uns hier bewegen und wo wir uns auch absetzen müssen und durchsetzen müssen bei diesen wirklich hochkarätigen Professorinnen und Professoren, um sie zu überzeugen, zu uns zu kommen.”

[Moderator Matthias Kirsch:] Der Mann, den wir gerade gehört haben, das ist Ulrich Meyer. Er ist der Pressesprecher der TU München, also neben dem Präsidenten eines der wichtigsten Sprachrohre der Universität. Und wenn es darum geht, neue Top-Talente aus der Wissenschaft an die TUM zu holen, dann spielt er eine wichtige Rolle, denn wie die Universität nach außen wahrgenommen wird, ist bei der Besetzung von Professuren ein ausschlaggebender Aspekt. Herzlich willkommen zu „We are Tum” – dem Podcast von und für die Technische Universität München. Mein Name ist Matthias Kirsch und ich begleite sie durch diesen Podcast. Wie immer stellt Ihnen ganz zu Beginn der Präsident der Universität, Thomas Hofmann, die restlichen Themen der heutigen Episode vor.

[Präsident Thomas Hofmann:] Liebe Zuhörende, wenige Forschungsbereiche entwickeln sich gerade so rapide wie die Künstliche Intelligenz. Ob sich die KI positiv auf unser Leben auswirken wird, das hängt auch an der Forschung. Professorin Ruth Müller forscht am Center for Responsible AI Technologies der TUM und setzt alles daran, dass die Künstliche Intelligenz in vertrauenswürdiger Weise technische oder gesellschaftliche Anwendungen findet. In dieser Folge gibt sie einen Einblick in ihre Arbeit. Auch die frühe Begegnung mit der Informatik wird für die kommenden Generationen immer wichtiger. Das haben sich auch die Macherinnen von she.codes auf die Fahne geschrieben. Auf ehrenamtlicher Basis bringen Studentinnen jungen Mädchen an Schulen das Programmieren bei, um auch Mädchen früh für die Informatik zu begeistern. Mitbegründerin Clara Buchholz erzählt, was sie dabei antreibt. Zum Abschluss der Folge hören wir von Sarah Ziegler vom Studentenwohnheim Geschwister Scholl. Die Semesterferien sind für viele Studierenden eine Gelegenheit, auf Wohnungssuche zu gehen, vor allem natürlich für jene, die ein Studium anfangen. In der Rubrik Fünf Tipps gibt Sarah Ziegler konkrete Hinweise darauf, worauf man bei der Bewerbung auf einen Wohnheimplatz achten sollte und wie das Leben mit Hunderten Studierenden unter einem Dach abläuft. Viel Spaß beim Zuhören!

Spitzenforschung

[Kirsch:] Ruth Müller war eigentlich prädestiniert dafür, sich in ihrem Berufsleben mit Künstlicher Intelligenz auseinanderzusetzen. Schon seit ihrer Kindheit ist sie nämlich ein großer Fan von Science Fiction und die Frage, wie Realität und Fiktion sich zueinander verhalten, die beschäftigt sie bis heute am Center For Responsible AI Technologies, das es seit vergangenem Jahr an der TU gibt. Dort forscht sie nun zur Zukunft der Künstlichen Intelligenz und meinem Kollegen Fabian Dilger hat sie erklärt, in welche Richtung sich die KI bewegt.

[Fabian Dilger:] Frau Müller, guten Tag, schön Sie zu sehen.

[Ruth Müller:] Ich freue mich auch, hier zu sein.

[Dilger:] Frau Müller, dass sie sich irgendwann mit KI beschäftigen, das war ja aufgrund eines ganz speziellen Hobbys von Ihnen eigentlich schon absehbar.

[Müller:] Sie meinen wohl, dass ich sehr gern Science Fiction lese, sehe, höre, ja, es ist immer spannend zu sehen, wie Realität und Fiktion sich auch miteinander in ein Verhältnis begeben. Und gerade heute, die meisten Vorstellungen, die wir haben über KI, die kommen nicht davon, dass wir in den Forschungslaboren waren. Die kommen daher, dass wir Filme gesehen haben, Star Trek und so weiter, dass dort KI eine Rolle gespielt hat.

[Dilger:] Das Center For Responsible AI Technologies wurde 2022 aus der Taufe gehoben. Ist das ihrer Meinung nach zu früh oder zu spät oder ist es genau die richtige Zeit für so ein Zentrum?

[Müller:] Als Wissenschafts- und Technik-Forscherin finde ich natürlich immer, dass man diese Dinge möglichst früh tun sollte, aber ich glaube, es ist ein sehr guter und richtiger Zeitpunkt, so ein Zentrum jetzt zu gründen. Wir befinden uns in einem Zeitpunkt, wo Künstliche Intelligenz in immer mehr Wissenschafts- und Gesellschaftsbereichen alltäglich präsent wird, und das ist ein ganz wichtiger Zeitpunkt, um darüber nachzudenken: Wie wollen wir denn diese Technologien entwickeln und wie können wir sie entwickeln, damit sie wirklich einen positiven gesellschaftlichen Nutzen haben und nicht nur einzelnen Gruppen in der Gesellschaft einen Vorteil verschaffen.

[Dilger:] Frau Müller, sprechen wir doch einmal über das theoretische Fundament, auf dem das Zentrum aufgebaut ist, den sogenannten Embedded-ethics-and-social-science-Ansatz. Wie kann man das einfach zusammengefasst erklären?

[Müller:] Also, der Embedded-ethics-and-social-science-Ansatz, da geht es darum zu sagen, dass wichtige Entscheidungen über die gesellschaftliche Wirkung neuer Technologien, neuer Forschungsergebnisse schon im Forschungsprozess passieren. Deswegen ist es wichtig, diese Dimensionen auch schon im Forschungsprozess zu reflektieren, zu erkennen und entsprechend darauf zu reagieren. Das machen wir im Embedded-ethics-and-social-science-Ansatz dadurch, dass wir Sozialwissenschaftlerinnen, Ethikerinnen in die Forschungsteams in den Technikwissenschaften einbetten und sie sozusagen mitarbeiten an diesen Prozessen und gemeinsam mit den Kollegen und Kolleginnen aus diesen Fächern eben genau diese Entscheidungspunkte, diese wichtigen Dimensionen identifizieren und dann Konzepte entwickeln: Wie können wir die Technologien so weiterentwickeln, dass sie eine möglichst positive Wirkung auf die Gesellschaft entwickeln? Bei der Künstlichen Intelligenz ein Riesenthema sind Buyer Personas in Training-Sets und da kann jemand mit einer gesellschaftswissenschaftlichen Expertise einfach ganz andere Dimensionen erkennen, wie dieses Training-Set nicht nur technisch adäquat ist, sondern auch zum Beispiel Gesellschaft in ihrer Diversität entsprechend abbildet.

[Dilger:] Erklären sie uns doch mal den Embedded-ethics-and-social-science-Ansatz am Beispiel eines Geräts namens „GARMI“. Der wird nämlich auch gerade an der TUM entwickelt. Was soll der können und wie hilft embedded ethics dabei?

[Müller:] Also GARMI ist ein Pflegeassistenz-Roboter, der von Prof. Sami Haddadin und seinem Team entwickelt wird. Hier geht es darum, einen Roboter zu entwickeln, der im Pflegekontext unterstützen kann. Die Frage ist auch immer, aus welcher Perspektive schauen wir auf die Anwendungen, die wir entwickeln? Schauen wir entlang dessen, was für die Entwicklung der Technologien besonders günstig ist oder nehmen wir eine Perspektive ein, die zum Beispiel an der TUM Human-centered Engineering genannt wird? Das heißt, eine Perspektive, die sagt, wir beginnen mit den Menschen, die mit diesen Technologien interagieren sollen und versuchen, die Technologien dann an deren Bedürfnisse anzupassen. Am Beispiel von GARMI wäre zum Beispiel zu nennen, dass es für einen Roboter natürlich am leichtesten ist, sich auf offenen, weiten Flächen zu bewegen. Da wäre es für den Pflegeroboter toll, wenn ältere Menschen gern in Lofts leben würden. Wenn wir uns jetzt die ältere Generation hier in Bayern vorstellen, gibt es sicher Personen, die sich sehr freuen würden, in einem großen Loft zu leben. Es ist aber relativ unwahrscheinlich, dass wir auf einmal lauter Loft-Wohnungen für ältere Personen haben. Das heißt, die Frage ist, wie können wir wieder auch die sozialen Umstände, die sozioökonomischen Umstände der Menschen, die diese Technologie unterstützen wollen, mit abbilden?

[Dilger:] Jetzt habe ich den leisen Verdacht, dass nicht nur Forschung, sondern irgendwann auch die Lehre, die Ausbildung, ein Ziel Ihres Zentrums sein soll. Wie kann man sich das vorstellen, dass in zehn Jahren an Ihrem Zentrum eigene Kurse angeboten werden oder Sie interdisziplinär Studis schulen werden?

[Müller:] Also im Bereich der Lehre gibt es ja an der TUM schon seit längerer Zeit eine Entwicklung hin zu immer mehr Interdisziplinarität. Für das Center for Responsible AI Technologies können wir auf diese Entwicklungen aufbauen, und unser Ziel wird tatsächlich sein, dass wir in den verschiedensten Ausbildungsbereichen, also sei es jetzt an der School of Social Sciences and Technology, Kurse über AI haben: Wie funktioniert AI, was tut diese Technologie in der Gesellschaft genauso wie in den ingenieurwissenschaftlichen Studiengängen. Und das Beste wäre natürlich, wenn wir überhaupt Kurse hätten, wo Studierende aus diesen unterschiedlichen Bereichen zusammenkommen, gemeinsam zu diesen Themen lernen und dann gemeinsam Fragen entwickeln, die sie später mitnehmen können in ihre Forschung, um diesen Human-centered-Ansatz, also diese Idee, dass wir eigentlich Gesellschaft immer schon mitdenken müssen, wenn wir neue Technologien entwickeln, einfach an eine neue Generation von Forschenden weitergeben.

[Dilger:] Frau Müller, vielen Dank für unser Gespräch über Künstliche Intelligenz.

[Müller:] Sehr gerne, mich hat es sehr gefreut.

Das Wissenschaftsgespräch

[Kirsch:] Rund 600 Professorinnen und Professoren arbeiten an der TU München und jedes Jahr müssen neue Professuren besetzt werden. Für die TU heißt das, in Konkurrenz zu treten mit den größten und bedeutendsten Universitäten der Welt. Im Gespräch mit Fabian Dilger erzählt Ulrich Meyer, der Pressesprecher der Technischen Universität, von der Herausforderung, die dieses Recruiting bedeutet, und er verrät, wie die TUM in Zukunft ihre neuen Professorinnen und Professoren vorstellen wird.

[Dilger:] Herr Meyer, guten Tag, schön, dass sie Zeit haben!

[Meyer:] Ich freue mich!

[Dilger:] An der TUM arbeiten wirklich viele exzellente Forschende. Da ist sozusagen die Champions League der internationalen Forschung vertreten. Wie schwer sind denn diese Forschenden der ersten Riege, sage ich jetzt mal, zu berufen?

[Meyer:] Das läuft nicht ganz von allein. Es ist im Prinzip wie eine Art Headhunting, wir schauen uns um, wer ist in seinem Fachbereich aufgefallen mit besonders brillanter Forschung, mit herausragenden Innovationen und diese Leute sprechen wir dann auch gezielt an und sagen: Hey, wir haben hier beste Rahmenbedingungen für Ihre Forschung, kommen sie doch nach München! Das Ganze funktioniert am besten über sogenannte Leuchtturm-Berufungen. Das ist eine ganz besondere Art der Berufung. Da werden Leute ganz speziell ausgeguckt, und dann gibt es kein großes Wettbewerbsverfahren zwischen verschiedenen Professorinnen oder Professoren um diese Full-professor-Stelle hier bei uns, sondern da haben wir jemanden ganz speziell im Auge und dann schauen wir, bekommen wir diese Personen hierher nach München? Wie können wir sie überzeugen? Da ist natürlich auch der Präsident selbst immer sehr, sehr stark eingespannt und involviert und spricht auch mit den neuen Kontakten. Da sind die Dekane und Dekaninnen natürlich an vorderster Front und die, die diese Leute ansprechen im internationalen Kontext und sie dann – oftmals sind das langwierige Verhandlungen – zu überzeugen zu uns nach München an die TUM zu wechseln.

[Dilger:] Bei diesen Berufungsprozessen, wo Sie versuchen, die Besten zu bekommen, da gibt es natürlich auch Konkurrenz. Welche Unis, welche Hochschulen sind denn im Speziellen Konkurrenz für die TUM auf nationaler oder auch auf internationaler Ebene?

[Meyer:] Tatsächlich findet dieser Wettbewerb um die besten Köpfe auf höchster internationaler Ebene hauptsächlich statt, also unsere Konkurrenten, wenn man sie so nennen möchte, sind da Universitäten wie Harvard, das MIT, natürlich die ETH Zürich, die britischen Universitäten, die Eliteuniversitäten dort. Das ist die Liga, in der wir uns hier bewegen und wo wir uns auch absetzen müssen und durchsetzen müssen bei diesen wirklich hochkarätigen Professorinnen und Professoren, sie zu überzeugen, zu uns zu kommen. Das natürlich alles mit fairen Mitteln, völlig klar, aber wir sind eine staatliche Universität, viele amerikanische Universitäten sind privat finanziert, die haben ganz andere finanzielle Möglichkeiten, die Professorinnen und Professoren anzulocken und anzusprechen. Deswegen setzen wir darauf, was unsere Stärke ist, nämlich dieses Ökosystem München. Wir haben hier so viele exzellente Forschungseinrichtungen mit so vielen wunderbaren Forschenden und auch die Studierenden sind hier top-klasse. Also dieses Umfeld, in dem man sich hier bewegen kann, das ist für viele besonders attraktiv, auch wenn wir womöglich bei den finanziellen Dingen nicht mithalten können mit den Amerikanern. Dennoch gelingt es uns, diese Professorinnen und Professoren zu uns zu holen, einfach weil hier das Gesamtpaket so gut stimmt.

[Dilger:] Klar andersherum, da versammeln sich die guten und sehr guten Professoren und Professorinnen, und vielleicht wäre es auch jetzt ein bisschen unfair, da jemanden herauszuheben. Aber haben sie so ein paar Beispiele für uns, für so hochkarätige Neuzugänge aus der jüngeren Vergangenheit?

[Meyer:] Ja, es ist tatsächlich, wie Sie sagen, ein wenig unfair, sozusagen da jemanden herauszuheben. Aber ich denke, auch im Kollegenkreis sind einige ganz besonders anerkannt, die man hier durchaus nennen kann. Wir haben ungefähr pro Jahr 40 Neuberufungen, aber unter denen sind schon ein paar sehr besondere Hochkaräter. Ich würde hier zum Beispiel den Professor Matthias Hebrok nennen wollen, der bei der Organoidforschung tätig ist. Organoidforschung heißt, Organe im Labor zu züchten, die also nicht im lebenden Tier oder Menschen sind und anhand dieser Organe zu erforschen, wie wirken zum Beispiel Medikamente. Ganz wichtiger Bereich, um zum Beispiel Tierversuche zu reduzieren.  Oder die Professorin Enkelejda Kasneci, die bei uns im Bereich Bildungsforschung tätig ist, auch eine ganz hochkarätige Besetzung, die uns hier gelungen ist.

[Dilger:] Dann schauen wir doch auch einmal in die Zukunft. Wo sehen Sie oder wo gibt es noch Verbesserungspotenziale für die TUM beim Berufungsprozess, beim Wettbewerb um die Besten in der Forschung?

[Meyer:] Wir haben sicherlich jede Menge Verbesserungspotenzial, aber ein Punkt, der uns ganz besonders wichtig ist und von dem ich auch weiß, dass er beim Präsidenten ganz besonders hoch auf der Agenda steht, ist die Berufung von mehr Frauen. Wir brauchen mehr weibliche Professorinnen, denn wenn wir keine Professorinnen haben, fehlen uns auch die Vorbilder für junge Frauen, sich in diesen oftmals sehr technischen oder auch naturwissenschaftlichen Berufen zu engagieren. Aber unser Tenure-Track-Programm für Professorinnen und Professoren, für jüngere Nachwuchsforschende, das ist hier ein ganz, ganz wichtiger Hebel, denn da gelingt es uns schon jetzt, sehr, sehr viele junge Frauen anzusprechen und das ist für uns ein ganz, ganz wichtiges Ziel. Nicht nur, um da bessere Zahlen zu haben, sondern es geht hier um echte Diversity, weil genau in diesem Umfeld, wenn man so eine Atmosphäre vorfindet, da kommt man auf neue Ideen und das ist genau das, was wir haben wollen. Dieser Innovationsprozess benötigt Vielfalt.

[Dilger:] Den einen oder anderen Namen, den sie gerade genannt haben, den wird man bald in einem neuen Format sehen. Dieses neue Format nutzt die TUM, um neu berufene Professorinnen und Professoren zu präsentieren.

[Meyer:] Die TUM ist ja ein riesengroßer Laden und es ist immer wichtig zu wissen, was tut sich denn in diesem Laden und das bekommt man gar nicht so sehr mit. Wir haben 630 Professuren, man kann gar nicht auf dem letzten Stand bleiben, so aktiv beim Suchen. Deswegen wollen wir schauen, dass wir die Mitarbeitenden vor allem auch informieren. Wer ist denn neu bei uns? New-in heißt dieses neue Format und das basiert im Wesentlichen auf einem Videoformat, das heißt, wir haben einige Professorinnen und Professoren, die neu bei uns angefangen haben im letzten Jahr versammelt, und die sollen uns erzählen über ihre Forschung, ihre Visionen, was wollen sie herausfinden, was ist das große Ziel ihrer Arbeit, wenn sie an die TU kommen, und natürlich auch ein bisschen was über die Person selber. Wir wollen die Leute vorstellen, wir wollen sie kennenlernen.

[Dilger:] Herr Meyer, vielen Dank für das Gespräch und für die vielen Infos.  

[Meyer:] Sehr, sehr gerne, vielen Dank.

Der junge Blick

[Kirsch:] Über die Informatik-Branche gibt es ja eine ganze Menge Klischees. Einige davon sind wahr, andere gar nicht. Auf jeden Fall, dass in Informatikberufen deutlich mehr Männer arbeiten als Frauen, das ist zumindest zahlenmäßig immer noch richtig. Aber, das bestätigen auch Zahlen zum Beispiel unter Informatik-Studierenden in ganz Deutschland, dieser Unterschied nimmt ab. Eine Hochschulgruppe an der TU München hat sich zusammen mit Kommilitoninnen aus Karlsruhe zum Ziel gesetzt, dieses Verhältnis noch weiter auszugleichen, und gleichzeitig wollen sie Vorbilder sein für junge Mädchen, die sich für Informatik und andere technischen Themen interessieren. she.codes heißt diese Gruppe, die ausschließlich aus Studentinnen besteht, und eine von ihnen ist heute zu Gast bei uns im Podcast, nämlich Clara Buchholz. Hallo!

[Clara Buchholz:] Hallo, vielen Dank, dass ich da sein darf.

[Kirsch:] she.codes hat sich ja zum Ziel gesetzt, junge Mädchen, vor allem im Alter zwischen 11 und 14, an technische Themen wie zum Beispiel die Informatik heranzuführen. Ihr macht es über Workshops bei jungen Frauen, in Schulklassen und so weiter. Was fasziniert dich daran? Warum würdest du sagen, braucht es she.codes und die Arbeit, die ihr macht?

[Buchholz:] Ich glaube, she.codes braucht es auch heute noch, weil zahlenmäßig eben immer noch viel weniger Frauen in der Informatik sind. Man sieht es an der TUM. Wir haben ungefähr 20 Prozent Frauen und Studien haben gezeigt, dass das Interesse von Mädchen und Jungen, sich unterschiedlich entwickelt, wenn sie in die Pubertät kommen. Zwischen 11 und 16 verlieren Mädchen häufig das Interesse an technischen Berufen, an technischen Bereichen, und wir möchten eben genau da ansetzen. Wir möchten Mädchen zeigen: Programmieren ist unheimlich spannend, weil wir selbst alle Studentinnen aus dem Bereich sind und da unheimlich viel Spaß dran haben. Wir möchten auf der einen Seite nahbare Vorbilder zeigen und auf der anderen Seite auch wirklich Wissen vermitteln: Wie funktioniert Programmieren? Was kann ich selber damit auch machen?

[Kirsch:] Du hast es ja gerade gesagt, im Kinderalter haben Jungs und Mädchen immer noch ein sehr ähnliches Interesse an diesen Themen. Erst später verändert sich das dann. Wie erklärt ihr euch denn, dass sich das Interesse in diesem Pubertätsalter, also so zwischen 11 und 16, so auseinander spaltet? Woher kommen diese Unterschiede?

[Buchholz:] Ja, auf der einen Seite glaube ich, dass auch heute noch Stereotypen vermittelt werden, die das Bild eines männlichen Programmierers zeigen, auf der anderen Seite aber auch, dass Mädchen und Jungen anders gefördert werden, vielleicht gar nicht mit der Intention dahinter, sie in unterschiedlichen Bereiche zu fördern, aber dass das einfach passiert. Studien zeigen, dass zum Beispiel Lehrer und Lehrerinnen dazu neigen, Mädchen und Jungen unterschiedliche Dinge vorzuschlagen. Dafür wollten wir eine Alternative schaffen. Wir wollen zeigen: Wir haben ein Angebot speziell für Mädchen, in dem sie eben auch einen sicheren Raum haben, in dem sie sich ausprobieren können, in dem sie lernen können und sich gegenseitig motivieren können.

[Kirsch:] Wie sieht denn so ein Workshop inhaltlich aus? Also was lernen die jungen Mädchen, sagen wir mal über einen Tag Workshop oder über diese mehrere Monate gehende Begleitung? Was lernen die da?

[Buchholz:] Wir fangen immer an mit Anfängerinnen-Workshops, das heißt, die Teilnehmerinnen brauchen überhaupt keine Vorkenntnisse, und in Online-Entwicklungsumgebungen bringen wir ihnen dann die Programmiersprache Python bei und wir machen das ganz spielerisch. Das heißt, am Anfang wird sowas wie Schere, Stein, Papier programmiert oder so ein kleines Chat-Programm, wo die Teilnehmerinnen dann dem Computer Fragen stellen sollen und jemand anderes kann eine Antwort eingeben. Zum Beispiel programmieren wir einen kleinen Taschenrechner und am Ende unseres viermonatigen Programms sind die Teilnehmerinnen dann in der Lage, ein Galgenmännchenspiel zu programmieren, auch mit der grafischen Oberfläche. Das heißt, dass man das dann richtig spielen kann und das motiviert viele, dass sie dann selbst ein Spiel spielen. Dann können sie das ihren Eltern zeigen oder Freunden und Freundinnen und gemeinsam das, was sie programmiert haben, ausprobieren.

[Kirsch:] Du bist ja damals relativ zu Beginn von she.codes schon dazugekommen, hast mittlerweile ja auch schon eine ganze Menge Workshop-Erfahrung gesammelt. Sind denn da Erfahrungen, Ereignisse dabei, die dir besonders im Kopf geblieben sind?

[Buchholz:] Ja, definitiv. Am allerschönsten ist es natürlich immer, wenn man dann sieht, dass es den Teilnehmerinnen Spaß macht, was mich immer irgendwie berührt. Wenn eine Teilnehmerin ein Problem hat, dann teilt sie den Bildschirm und erklärt ihr Problem oder zeigt, was nicht funktioniert, und wenn dann eine andere Teilnehmerin in der kleinen Gruppe ihr hilft, also wenn sie vielleicht das gleiche Problem auch schon hatte oder wenn sie ihr anders helfen kann, ihr ihren Lösungsansatz vielleicht erklärt. Das finde ich sehr inspirierend zu sehen, wie gegenseitig sie sich helfen, das war klasse!

[Kirsch:] Ihr habt ja begrenzte Kapazitäten. Ihr macht das ja auch alle ehrenamtlich. Deswegen: Wenn unsere Zuhörerinnen und Zuhörer jetzt interessiert sind und das Projekt unterstützen wollen, euer Projekt steht ja unter der Schirmherrschaft des gemeinnützigen Vereins EduRef.ev und auf der Website codes.education findet man auch ein Konto und man findet alle Daten, die man braucht, wenn man das Projekt finanziell unterstützen will und quasi diese Arbeit, die she.codes machst, die du da machst, weiter unterstützen will. Clara, ich bedanke mich vielmals für den Einblick in eure Arbeit.

[Buchholz:] Ja, vielen Dank, dass ihr uns hier die Bühne gebt und wir freuen uns natürlich über alle interessierten Studentinnen, die Lust haben, sich bei uns zu engagieren, und eben auch über Spenden. Genau.

[Kirsch:] Gut, dann wünschen wir euch und euren Mentorinnen viel Erfolg mit allem, was ihr noch so vor habt.

[Buchholz:] Vielen Dank.

Fünf Tipps

[Kirsch:] Zum Abschluss der heutigen Folge kommen wir wie immer zu unserer Rubrik Fünf Tipps. Das Thema heute: Wohnen im Wohnheim. In München wie in vielen anderen Großstädten des Landes ist Wohnraum nämlich ein knappes Gut und für Studierende ist das Budget meist knapp, die Zeit für Nebenjobs ebenso und mit Bafög oder Stipendien alleine bezahlt man in München mittlerweile kein WG-Zimmer mehr. Kein Wunder also, dass der Andrang bei vielen Studentenwohnheimen stetig steigt. Sarah Ziegler vom Studentenwohnheim Geschwister Scholl hat meinem Kollegen Fabian Dilger fünf konkrete Tipps zum Leben im Wohnheim mitgebracht.

[Dilger:] Frau Ziegler, guten Tag, Hallo.

[Sarah Ziegler:] Hallo.

[Dilger:] Frau Ziegler, wir beide sitzen für unser Gespräch hier im Geschwister Scholl Studierendenwohnheim mitten in der Maxvorstadt. Knapp 270 Zimmer und Apartments gibt es hier, wo die Studierenden wohnen und gemeinsam miteinander leben. Wie lange wohnen Sie denn schon hier im Schollheim?

[Ziegler:] Ich bin Ende 2019 eingezogen und habe dann hier meine Corona-Zeit verbracht und war die letzten zwei Jahre dann bei uns im Wohnheim als Heimrätin tätig. Das ist so ein bisschen die Schnittstelle zwischen der Verwaltung und den Studierenden.

[Dilger:] Dann lassen sie uns doch gleich mit den fünf Tipps anfangen.


#1

[Ziegler:] Mein Tipp Nummer eins bezieht sich auf die Bewerbung. Wenn ihr euch auf ein Wohnheim bewerbt, dann solltet ihr das grundsätzlich lieber früher als später machen. Wartezeiten sind bis zu drei Semester lang, das heißt, schaut euch frühzeitig an, was braucht ihr für diese Bewerbung, was gibt es für grundsätzliche Voraussetzungen? Häufig umfasst das so etwas wie: Ihr dürft eine bestimmte Altersgrenze von 30 Jahren vielleicht nicht übersteigen. Ihr solltet nicht im MVV Einzugsgebiet wohnen, außer ihr habt irgendwie besondere Umstände, familiäre Umstände, die das begründen könnten, dass ihr doch im Studierendenwohnheim wohnen solltet. Neben dem allgemeinen Bewerbungsformular gibt es meistens noch ein Bewerbungsschreiben. Die meisten Bewerbungsschreiben werden von den Studierenden selbst gelesen. Da gibt es häufig einen Ausschuss, der sich einmal im Monat trifft und über diese Bewerbung entscheidet. Das heißt aber auch, dass ihr eure Bewerbungen sehr personalisiert schreiben dürft. Ihr dürft Studierende direkt ansprechen, ihr dürft sehr offen und ehrlich sein. Ihr müsst nicht darauf achten, dass ihr als besonders ruhige und nicht störende Person herüberkommt.

#2

Mein Tipp Nummer zwei bezieht sich auf die Erwartungshaltung zum Leben im Wohnheim. Wenn ihr in ein Wohnheim einzieht, solltet ihr damit rechnen, dass ihr umgeben von 270 motivierten, unternehmungslustigen Studierenden sied. Das heißt, dass ihr einerseits genauso viele Aktivitäten erwarten könnt, wie ihr möchtet. Ihr findet immer Menschen, mit denen ihr etwas unternehmen könnt, sei es zum gemeinsamen Sport machen, Filme schauen, Spieleabende unternehmen. Allerdings sollte euch auch bewusst sein, dass in einem Studierendenwohnheim Menschen mit ganz verschiedenen Temperamenten und Charakteren und Herkünften leben, sodass ihr auf jeden Fall Kompromissbereitschaft mitbringen solltet, was Lautstärken im Flur angeht. Es kann durchaus abends mal lauter werden. Natürlich wird in der Klausurenphase darauf Rücksicht genommen, aber vielleicht schadet die eine oder andere Packung Ohropax nicht.


[Dilger:] Wenn man dann mal tatsächlich im Wohnheim aufgenommen worden ist und dort lebt, dann hat man da ja sehr viele Mitbewohner. Was für einen Tipp haben Sie denn zum Zusammenleben in so einer sehr großen WG?

#3

[Ziegler:] Tipp drei betrifft das tatsächliche Zusammenleben im Wohnheim. Neben dem ganzen Spaß im Wohnheim gibt es aber auch einige Verpflichtungen. Auf jedem Flur gibt es Mülldienste, die regelmäßig erfüllt werden müssen. Es gibt Küchendienste, das heißt für eine Woche lang bis du dann als Person zuständig dafür, dass die Küche einigermaßen ordentlich aussieht. Ganz allgemein solltet ihr versuchen, wie in jedem anderen Haushalt auch so viel Ordnung und Sauberkeit zu halten, dass alle Menschen dort gerne wohnen möchten und sich niemand unwohl fühlt oder morgens ganz erzürnt in die Gemeinschaftsküche kommt und noch ganz viel Geschirr vom Vorabend herumsteht.

#4

Mein Tipp Nummer vier betrifft das Engagement im Studierendenwohnheim. Viele Studierendenwohnheime sind so aufgebaut, dass sie komplett selbstverwaltet sind, das heißt, dass die Verantwortung für das Zusammenleben und wie aktiv sich das Wohnheim gestaltet, komplett bei den Studierenden selbst liegt. Bei uns im Schollheim ist es so, dass die Aufgaben auf verschiedene Referate aufgeteilt sind. Es gibt zum Beispiel das Aufnahmereferat, das alle Bewerbungen monatlich liest von Menschen, die gern ins Wohnheim einziehen würden. Es gibt das Netzwerkreferat, das sich um das Internet und die WLAN-Versorgung kümmert. Dann gibt es wie in vielen anderen Wohnheimen auch Tutoren, die sich um die Veranstaltungen im Wohnheim kümmern, seien es Politikabende oder gemeinsame Stadtfahrten. Wenn ihr euch im Wohnheim ehrenamtlich engagiert, wird das auch häufig belohnt. Bei uns ist es so, dass das Engagement im Wohnheim an die Wohnzeitverlängerung gekoppelt ist. Grundsätzlich habt ihr drei Jahre Wohnzeit und sobald ihr darüber hinaus noch länger bleiben möchtet, braucht ihr eine bestimmte Punktzahl. Um diese Punktzahl zu erreichen, könnt ihr Referate ausüben und dann ganz leicht einfach noch ein paar Jahre länger im Wohnheim leben und weiterhin studieren.

#5

Mein fünfter und letzter Tipp ist, dass das Leben im Wohnheim nicht nur günstigen Wohnraum und eine Zweck-WG bedeutet, sondern dass das viel mehr ist. Das ist wie eine Aufnahme in eine zweite Familie. Es ist definitiv ein sehr, sehr prägender Lebensabschnitt, der sich nicht nur auf günstigen Wohnraum beschränkt, sondern ein ganz eigenes Lebensgefühl darstellt und die teilweise anstrengenden Zeiten des Studiums auf jeden Fall versüßt. Häufig hat das Leben im Wohnheim auch noch Einfluss auf die Zeit danach. Man findet viele Freund:innen fürs Leben, viele, viele enge Verbindungen, und ab und zu findet sich auch das eine oder andere Pärchen.

[Dilger:] Frau Ziegler, vielen Dank für die Einblicke und die Tipps zum Leben im Studierendenwohnheim.

[Kirsch:] Und das war es schon für diese Folge von „We are Tum”. Auch in der nächsten Folge sprechen wir wieder über Spitzenforschung, das Studienleben und all die Menschen, die TU zu dem einzigartigen Ort machen, der sie ist. Das war “We are Tum”. Diese Folge wurde produziert von Fabian Dilger, Clarissa Ruge und von mir, Matthias Kirsch. Das Sounddesign und die Postproduktion gestaltet Marco Meister von Edition Meister aus Berlin. Bis zur nächsten Folge. Kommen Sie mit uns und entdecken Sie die großen und die kleinen Geheimnisse der TU München

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