Portrait Regine Keller
TUM-Vizepräsidentin Regine Keller: "Studentisches Wohnen in München ist ein brisantes Thema." (Foto: Astrid Eckert)
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TUM-Vizepräsidentin Regine Keller:„Mehr Begegnungsräume für die Studierenden“

„Wir brauchen mehr Begegnungsräume für die Studierenden.“, sagt die Vizepräsidentin der TUM für Studium und Lehre. Prof. Regine Keller weiß als Architektin, wovon sie spricht. Was sind Ihre Ziele in den Bereichen Studium und Lehre? Wie wichtig ist ihr die Meinung der Studierenden? Verena Meinecke hat Regine Keller für die TUMstudinews befragt.

TUMstudinews: Sie sind seit Oktober 2011 im Hochschulpräsidium als Vizepräsidentin für Studium und Lehre. Die ersten 100 Tage im Amt sind absolviert – wie ist Ihre erste Bilanz?

Regine Keller: Positiv! Ganz wichtig ist die Offenheit für aktuelle Entwicklungen. Wir erzeugen zwar im Kern Kontinuität für die Studierenden, doch im Tagesgeschäft gibt es sehr viele Punkte, auf die adhoc reagiert werden muss. Nur mit unmittelbarer Reaktion können wir zeigen, dass wir „seismographisch“ auf aktuelle Entwicklungen reagieren. Gleichzeitig ist es aber auch wichtig, unsere Hauptaufgabe nicht aus den Augen zu verlieren: die optimalen Bedingungen für die Studierenden.

TUMstudinews: Haben Sie sich bereits eingearbeitet?

Regine Keller: Ja, ich bin angekommen! Eine große Hilfestellung war dabei die Exzellenzinitiative, die Wochen rund um die Begutachtung im November. Ich hätte mir keinen besseren Einstieg wünschen können. Ich bin überwältigt, welch großartiger „Spirit“ entstanden ist. Der Begriff der „TUMfamily“ ist keine leere Worthülse – ich habe in der Zeit die Lehr- und Forschungsgemeinschaft echt empfunden!

TUMstudinews: Auch das Studenten-Service-Zentrum gehört jetzt zu Ihrem Aufgabenbereich. Es stellt die wichtigste Kontaktstelle für die Studierenden dar und muss adäquat ausgestattet werden. Gehört dies zu Ihren Zielen für Ihre Amtszeit?

Regine Keller: Das SSZ begleitet die Studierenden von der Einschreibung bis zur Zeugnisvergabe, also quasi vom ersten bis zum letzten Tag ihres gesamten Lebenslaufs an der TUM. Dieser „Life cycle“ beschäftigt mich gerade stark in Gedanken. Ist das SSZ hierzu richtig ausgestattet? Das ist insbesondere wichtig im Hinblick auf die enorm gestiegenen Studierendenzahlen durch den doppelten Abiturjahrgang und den Wegfall der Wehrpflicht. Darüber hinaus müssen wir uns auf eine immer vielfältigere  Studierendenschaft einstellen. In den letzten Jahren ist beispielsweise der Trend zu beobachten, dass Ausbildung, Berufserfahrung und Familiengründung nicht mehr linear hintereinander verlaufen, sondern vielmehr in sich abwechselnden oder parallel verlaufenden Lebensphasen. Damit wächst natürlich auch der Bedarf an flexiblen Studienmodellen. Den individuellen Bedürfnissen der Studierenden muss die TUM gerecht werden. Das erfordert natürlich Kapazitäten und Kompetenzen.

TUMstudinews: Gerade wurde an der TUM ein Leitbild für gutes Lehren und Lernen entwickelt, das sozusagen die „Hausregeln“ enthält. Was zeichnet aus Ihrer Sicht gute Lehre aus?

Regine Keller: Die Aufgabe besteht darin, Forschung und Lehre gut zu verknüpfen. Und es geht um die Rollenverteilung zwischen Lehrenden und Lernenden – sie sind Partner, die sich immer auf Augenhöhe begegnen sollten. Es muss ein Geben und Nehmen sein. Die Regeln gelten für beide Seiten. Dazu gehört die Bereitschaft, die gemeinsame Arbeit zu überprüfen. Das ist natürlich ein schwieriger Punkt, denn mit einer Bewertung der eigenen Person sind immer auch ambivalente Gefühle verbunden. Wir müssen also weiterhin kommunizieren, weshalb die Evaluationen nicht nur für das zentrale Qualitätsmanagement, sondern insbesondere für die Entwicklung der Lehrkompetenz wertvoll sind.

TUMstudinews: Exzellenzinitiative, Wissenschaftspreise, Industrieprojekte: Die Profs haben mit ihrer Forschungsarbeit alle Hände voll zu tun. Wie kann man sicherstellen, dass sie bei all dieser Arbeit nicht die Lust an der Lehre verlieren?

Regine Keller: ProLehre – unser TUM-internes hochschuldidaktisches Weiterbildungsprogramm für Lehrende -  ist hier an der TUM ein ganz wichtiger Baustein. Das vielfältige Angebot zielt nicht allein darauf ab, die Lehrenden zu qualifizieren, sondern auch darauf, dass sie den Spaß am Lehren nicht verlieren. Wie kann ich meine Lehrinhalte immer wieder erneuern und die Studierenden einbeziehen? Zentral ist auch die Würdigung guter Lehre. Das schafft einen Anreiz, motiviert und stärkt die Identifikation der Lehrenden mit ihrer Rolle.

TUMstudinews: Wie kann gute Lehre belohnt werden?

Regine Keller: Ziel ist es, eine Kultur des Lehrens und Lernens zu fördern und zu vermitteln. Wir haben gerade zwei Preise ins Leben gerufen, die 2011 zum ersten Mal vergeben wurden: den Ernst Otto Fischer-Lehrpreis und das Freisemester für Lehre. Beide Auszeichnungen bieten den Lehrenden die Möglichkeit, neue Konzepte zu entwickeln und auch direkt umzusetzen. Lehre muss attraktiv sein, sie muss im Ranking einer wissenschaftlichen Laufbahn eine Rolle spielen. Es muss möglich sein, durch gute Lehre Gratifikationen zu erlangen. Mich beschäftigt auch die Frage, ob es gerade für den Mittelbau genügend Anreize für gute Lehre gibt. Hier gibt es noch viel zu tun.

TUMstudinews: Mit dem Förderprogramm "Qualitätspakt Lehre" wollen Bund und Länder die Studienbedingungen verbessern. Die TUM war 2011 mit ihrem Konzept "TUM: Agenda Lehre" erfolgreich und hat 16 Millionen Euro eingeworben. Wie kommt das Geld den Studierenden künftig zugute?

Regine Keller: Die „TUM:Agenda Lehre“ umfasst eine große Bandbreite von Programmen, die auf verschiedenen Ebenen die Studienbedingungen und die Lehre verbessern. Die Maßnahmen setzen direkt an den verschiedenen Studienphasen an, reichen also von zielgruppenspezifischen Beratungsangeboten bis hin zum zentralen Prüfungsmanagement. Viele Programme an der TUM sind bereits fest etabliert und sollen mit den jetzt vorhandenen Mitteln weiter ausgebaut werden, wie z. B. das Ideen- und Feedbackmanagement  oder unser Mentorenprogramm von Studierenden für Studieninteressierte und -anfänger. Darüber hinaus gibt es aber auch zahlreiche neue Maßnahmen, die wir jetzt mit der Unterstützung des BMBF umsetzen können: Von der Einrichtung einer Masterberatungsstelle bis hin zur Einführung von flexiblen Studienzeitmodellen.

TUMstudinews: Wie beziehen Sie die Meinung der Studierenden in Ihre Entscheidungen mit ein?

Regine Keller: Zu den Studierenden stehe ich in ganz engem Kontakt – per E-Mail und bei regelmäßigen Treffen in informeller Runde. Die Studierenden sprechen mich ganz direkt an, so dass ein dauernder und unmittelbarer Austausch da ist. Es ist mir sehr wichtig, die Meinung der Studierenden zu hören, ich lege viel Wert auf deren Resonanz. Ich muss ja für meine Entscheidungen und die des Präsidiums Rückhalt haben. Wir diskutieren viel und streiten natürlich auch. Da gehört es dazu, dass wir manchmal zu keinem Konsens kommen, sondern jeder bei seiner Meinung bleibt. Wichtig ist dann, weiter im Gespräch zu bleiben.

TUMstudinews: Die Studierenden wissen selbst am besten, wo der Schuh drückt. Welche brennenden Themen sehen Sie aktuell?

Regine Keller: Ein brisantes Thema ist natürlich das Studentische Wohnen in München. Gemeinsam mit den Studierenden und anderen Beteiligten wollen wir eine Initiative starten und einen neuen Vorstoß gegenüber den Kommunen starten. Was in München fehlt, ist sozial verträglicher Wohnraum. Dahinter steckt ein strukturelles Problem. Es fehlen erschwingliche Grundstücke. Studentisches Wohnen hat keine Priorität.

Ein anderes wichtiges Thema sind fehlende Arbeitsplätze für die Studierenden an den verschiedenen Campi der TUM. Die Studierenden brauchen Raum zum Lernen. Nötig sind nicht nur Hörsäle, sondern auch Begegnungsräume, wo man zusammen kommen, gemeinsam lernen, sich austauschen kann. Entgegen der allgemeinen Beobachtung, dass Gemeinschaften heute vor allem virtuell im Internet entstehen, wollen sich Studierende real begegnen. Hierzu müssen wir Orte schaffen, Werkstätten sozusagen, in denen neue Gedanken entstehen können. Das Vorhoelzer-Forum der Fakultät für Architektur am Stammgelände ist so ein Beispiel. Es ist unter anderem aus studentischer Initiative heraus entstanden und wird hervorragend angenommen.

TUMstudinews: Wie viel Zeit investieren Sie für das Amt als Vizepräsidentin für Studium und Lehre?

Regine Keller: Im Moment nimmt das Amt vier volle Arbeitstage meiner Zeit ein. Ob das repräsentativ ist, kann ich noch nicht sagen. Ein Tag bleibt für die Arbeit am Lehrstuhl. Ich habe mich nicht freistellen lassen. Leider kann ich meine Studierenden nicht mehr so intensiv betreuen. Ich bin sehr froh, dass ich zur Verstärkung eine zusätzliche Kraft am Lehrstuhl einstellen konnte. Aber ich halte weiterhin meine Vorlesung. Das ist mir auch besonders wichtig. Ich möchte selbst weiter lehren, um nicht den Bezug zu verlieren.

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