TUM-Studentin und Kuratorin der Jubiläumsausstellung in der Pinakothek der Moderne Ella Neumaier
Ein Museum muss neugierig bleiben, findet Ella Neumaier, TUM-Studentin und Kuratorin der Jubiläumsausstellung in der Pinakothek der Moderne.
Bild: Uli Benz / TUM
  • Campus, Studium
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Jubiläumsausstellung der Pinakothek der Moderne„Eine große Lust, Neues zu denken“

„Zwanzig, und jetzt? Die Pinakothek der Moderne vom Wettbewerb bis heute“ – Mit dieser Ausstellung im Architekturmuseum der TUM feiert das Haus an der Barer Straße derzeit sein Jubiläum. TUM-Studentin Ella Neumaier, 26, hat sie kuratiert und ist dafür ins kalte Wasser gesprungen.

Wie haben Sie aus 167 Modellen, die 1992 für den Wettbewerb um den Bau der Pinakothek der Moderne eingereicht wurden, ausgewählt?

Ganz praktisch. In unserem sehr umfangreichen Archiv des Architekturmuseums der TUM haben wir 25 Modelle. Dessen damaliger Direktor Winfried Nerdinger hatte nach dem Wettbewerb einige der Büros nach ihren Modellen gefragt. Der Rest ist nie zu uns gekommen. Ich hätte gerne alle 25 gezeigt, aber ein paar kamen aus konservatorischen Gesichtspunkten nicht in Frage. Auch die Gestaltung der Ausstellungsflächen war natürlich ein Faktor.

Welche Entwürfe sind für Sie ganz besonders?

Alle sind spannend, da sie entweder ähnliche Ansätze zeigen wie Braunfels oder aber ganz anders sind. Die Jury hatte bei der Auswahl bestimmte Gesichtspunkte besonders im Blick: die Einpassung in das städtebauliche Raster der Maxvorstadt, die Haltung gegenüber den älteren Bauten in direkter Nachbarschaft, die Anbindung zur Innenstadt. Diejenigen, die einen ganz anderen Ansatz hatten und eine vollkommen andere Architektur vorschlugen, sind deshalb rückblickend besonders interessant: die großen Visionen oder die, die ein bisschen utopisch waren. Der riesige Rundbau von Arata Isozaki etwa oder der Entwurf von Andreas Meck. “Was wäre gewesen, wenn...“ sozusagen.

Sie haben Interviews mit den damaligen Jury-Mitgliedern geführt. Bei vielen sind immer noch große Emotionen zu spüren. Was ist Ihnen vor allem in Erinnerung geblieben?

Wir haben drei Tage lang gedreht. Es waren meist einstündige Interviews und da kamen viele Anekdoten und Details zur Sprache. Carla Schulz-Hoffmann (Anmerk.: die damalige stellvertretende Generaldirektorin der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen) hat unter anderem sehr eindrücklich beschrieben, wie anstrengend sie es stellenweise empfand, so eine Masse an Vorschlägen überhaupt zu verarbeiten. Wie bange ihr auch war, ob die Entscheidung richtig war für die Stadt und die Kunst.

Bei solch einem Prozess spielen viele Punkte mit hinein.

Mir ist klar geworden, wie unterschiedlich die Stimmen bei so einem Wettbewerb verteilt sind, wie schwierig für Nicht-Architekt:innen eine räumliche Vorstellung sein kann. Diese unterschiedlichen Herausforderungen müssen wir uns als Architekt:innen bei solchen Entscheidungen für große Bauten vor Augen führen.

Zur Eröffnung der Pinakothek der Moderne 2002 war der Andrang riesig, wie das Titelfoto zur Ausstellung zeigt.

Reinhold Baumstark, damals der Generaldirektor der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, hat die Entstehungsgeschichte des Fotos erzählt, das ich für den Leuchtkasten im Eingangsbereich der Ausstellung vorgesehen hatte. Es geht nämlich auf seine Initiative zurück: In der Eröffnungswoche war es ihm irgendwann zu voll und er ist zum Luftschnappen auf das Dach der Alten Pinakothek gestiegen – damals noch mit einem Handy ohne Kamera. Und von dort oben hat er dann diese langen Menschenschlange in der Abenddämmerung gesehen und alle Hebel in Bewegung gesetzt, um schnell einen Fotografen für eine Aufnahme zu organisieren.

Sie haben kleine Frage-Zettel an die Wände gehängt. Und anhand von leuchtenden Klebe-Punkten kommt man ebenfalls zu Wort.

Die Entstehung der Pinakothek der Moderne ist damals von den Bürgerinnen und Bürgern mitgetragen worden. Für mich war es ein totaler Knackpunkt, die Frage nach 20 Jahren an sie zurückzuspielen, ob und inwieweit denn der Anspruch, die Bürgerschaft zu beteiligen und ein offenes Haus zu schaffen, eingelöst worden ist.

Das Feedback ist riesig, oder?

Wir haben allein in den ersten zwei Wochen über 4.000 Punkte verbraucht. Wir hätten niemals mit so einer Beteiligung gerechnet. Wir haben jetzt die erste Punkte-Schicht abgetragen, sie vorher dokumentiert und fotografiert und nun kleinere Punkte gewählt. Es ist schon wieder recht voll – was uns natürlich sehr freut.

Was passiert mit den ausgefüllten Zetteln nach der Ausstellung?

Noch hängen alle übereinander. Ich finde das ganz schön, wenn die Leute ein bisschen durchstöbern. Da sind zum Teil brutale, sehr ehrliche Antworten dabei. Auch viel Lob, aber besonders die Kritik ist natürlich spannend für uns. Wir planen, eine Auswahl via Social Media über den Kanal der Pinakothek zu posten und dann auszuwerten.

Könnten Besucher:innen nicht mehr mitgestalten?

Wir wissen ja bisher wenig über die Besuchenden, warum kommt wer, was erwarten die Menschen von diesem Museum. Es ist eine große Chance, das genauer zu untersuchen. Die Frage der Teilhabe in der Gesellschaft wird immer wichtiger und ich denke, dass Museen da mitgehen müssen. Und die Interviews zeigen ja auch, dass eine große Lust da ist, Neues zu denken.

Sie sind mit nur 26 Jahren und sehr wenig Vorlauf für die Ausstellung in sehr kaltes Wasser gesprungen. Was war die größte Herausforderung?

Das war schon eine Feuertaufe. Ich habe den Inhalt erarbeitet, aber auch das Räumliche, sprich die Ausstellungsarchitektur. Bei der Gestaltung habe ich mit einer Grafikerin zusammengearbeitet, mit der fantastischen Anna Meck. Bei der Textarbeit und dem Lektorat hatte ich schon Erfahrung gesammelt - durch die Ausstellung "Who´s Next? Obdachlosigkeit, Architektur und die Stadt", bei der ich mich um den Katalog gekümmert habe. Die Zusammenarbeit mit einem größeren Team und die Organisation aller Teilaspekte war komplett neu. Noch dazu habe ich ja mit allen vier Institutionen in der Pinakothek der Moderne gearbeitet, nicht nur mit dem Architekturmuseum. Die Diplomatie zu verstehen, die zwischen den Museen herrscht und allen gerecht zu werden, war auch eine große Aufgabe.

Mehr Informationen:

  • Innerhalb von nur drei Monaten hat Ella Neumaier auf 400 Quadratmetern einen spannenden Rück- und Ausblick auf das Gebäude und seine Entstehungsgeschichte entworfen: aus 19 Wettbewerbsmodellen samt ausgewählten Jury-Zitaten, Zeichnungen, Interviews, fotografischen Arbeiten und Mitmach-Elementen.
  • Ein Museum für moderne und zeitgenössische Kunst könne nicht fertig gedacht sein und müsse neugierig bleiben auf die Ansprüche der Gesellschaft. Dieser Aspekt war ihr als Kuratorin besonders wichtig.
  • Die große Begeisterung der 26-jährigen Architekturstudentin für das Recherchieren im Archiv und das Kuratieren wurde unter anderem bei Seminaren zu postkolonialen Fragestellungen geweckt.
  • Ella Neumaiers persönliche Antwort auf die Frage „Und jetzt?“ lautet: ein Thema für die Master-Arbeit finden. 
  • Die Ausstellung im Architekturmuseum der TUM ist noch bis 24. April 2022 zu sehen.

Technische Universität München

Corporate Communications Center Barbara Link / Verena Meinecke

Kontakte zum Artikel:

Ella Neumaier
Architekturmuseum der TUM
neumaier(at)architekturmuseum.de

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