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IKOM: Firmengründer Jakob Bitner und Wissenschaftlerin Nicola Breugst über Start-ups auf Personalsuche

„Wir brauchen Leute, die besser sind als wir selbst“

Freunde einstellen oder aufwendiges Recruiting: Wie finden Start-ups ihre ersten Angestellten? Was macht sie attraktiv, wenn sie nur wenig zahlen können? Muss ein Start-up-Chef jede Woche eine leidenschaftliche Rede halten? Ein Interview mit Jakob Bitner, der als Student das Unternehmen VoltStorage aufgebaut hat, und der Entrepreneurship-Forscherin Prof. Nicola Breugst anlässlich der IKOM-Karrieremesse, die vom 19. bis 22. Juni auf dem Campus Garching stattfindet.

Herr Bitner, vor gut einem Jahr haben Sie noch studiert, jetzt sind Sie Arbeitgeber für sieben Angestellte. Bekommen Sie manchmal Angst vor der Verantwortung?

Bitner: Ich denke, das ist eine Typfrage, ich konnte bisher immer ruhig schlafen. Mir fällt die Gesamtverantwortung auch deshalb leicht, weil meine beiden Mitgründer und ich sehr schnell viel Verantwortung an unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern übertragen haben.

Da haben Sie monatelang in einem eingeschworenen Team geschuftet und alle Details Ihres Unternehmens geplant – und dann dürfen plötzlich Menschen mitmischen, die Sie noch gar nicht gut kennen. Ist Ihnen das nicht schwergefallen?

Bitner: Gar nicht. Weil alle Leute, die wir eingestellt haben, bei ihren Aufgaben deutlich besser sind als wir selbst, zum Beispiel in der IT. Hinzu kommt, dass wir alle ständig miteinander reden. Wir machen jeden Tag ein 15 Minuten langes „Stand-up“, bei dem jeder sagt, was er oder sie gestern gemacht hat, was heute ansteht und welche Probleme es gibt.

Frau Breugst, was sagen Ihre Forschungsergebnisse – hat Herr Bitner alles richtig gemacht?

Breugst: Worüber viele Start-ups stolpern, ist die Frage: Was macht mein erster Mitarbeiter? Ich brauche an einer Stelle Unterstützung, in zwei anderen Bereichen aber auch, und dann stelle ich jemanden ein, der von allem etwas macht. Das geht selten gut. Oft unterschätzt wird auch der Aufbau einer Unternehmenskultur, die auch dann noch gilt, wenn die nächsten 20 Menschen eingestellt sind, die vielleicht alle ganz unterschiedlich sind. Da geht es zum Beispiel darum, wie viel ich meine Mitarbeiter machen lasse, wie ich ihre Ideen kanalisiere, wie stark ich sie informiere.

Bitner: Dabei haben wir anfangs Fehler gemacht, weil wir Gründer weiter so geredet haben, als wären wir noch unter uns. Wir haben zum Beispiel offen über mögliche Investoren oder einzelne Mitarbeiter diskutiert. Umgekehrt haben wir zu wenig darüber gesprochen, was unsere Ziele sind: Warum arbeiten wir derzeit an diesem Thema, wohin führt das?

Wie können Gründer, die als Arbeitgeber unerfahren sind, gute Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter finden?

Breugst: Start-ups fischen oft in ihrem eigenen Umfeld. Das kann Vorteile haben, weil sie Kandidatinnen und Kandidaten leichter beurteilen können. Manche stellen allerdings auch einfach jeden ein, den sie kennen – schlichtweg weil sie keine Zeit für lange Bewerbungsverfahren haben. Erfolg haben Start-ups aber nur, wenn sie Menschen auswählen, die anpassungsbereit sind, weil sich deren Aufgaben während der Entwicklung junger Unternehmen garantiert ändern werden.

Bitner: Bislang haben auch wir überwiegend Leute geholt, mit denen wir schon zusammengearbeitet hatten. Aber wir stellen grundsätzlich nur Personen ein, wenn sie genau das können, was uns fehlt. Wir bekommen auch Bewerbungen, die an sich richtig gut sind und die wir trotzdem ablehnen. Im Gegenzug betreiben wir auch mal großen Aufwand, wenn wir jemanden unbedingt wollen. Bei einem Aufenthalt in China haben wir zufällig eine Spezialistin für „Design for Manufacturing“ kennengelernt, von der wir total überzeugt waren. Da mussten wir natürlich mehr Zeit in Bürokratie und Integration investieren. Als wir einen erfahrenen Forscher gesucht haben, haben wir eine aufwendige Onlinerecherche gemacht. Auch das hat sich gelohnt, aber dafür fehlt uns eigentlich die Zeit. Obwohl wir noch klein sind, fängt bei uns deshalb bald eine Human-Resources-Managerin an – ein Ratschlag, den uns erfolgreiche Gründer gegeben haben.

Wie motivieren Sie diese guten Leute, für Sie zu arbeiten? Als Start-up können Sie ja kein Gehalt bieten, das große Unternehmen Ingenieurinnen und Kaufmännern zahlen.

Bitner: Wir müssen monetär schon annähernd mithalten. Wir bieten deshalb Beteiligungen am Unternehmen an. Im Vordergrund steht aber, dass wir an nachhaltiger Energieversorgung arbeiten, also an einer Aufgabe, mit der sich viele Menschen identifizieren können.

Breugst: Wer in Start-ups arbeiten will, sucht oft Inspiration von einer starken Persönlichkeit der Gründerinnen und Gründer. Unsere Studien zeigen allerdings, dass unternehmerische Leidenschaft nicht pauschal hilft. Sie kommt dem Team nur dann zugute, wenn die Gründer es schaffen, ihre Leidenschaft auf die alltägliche Arbeitswelt der Mitarbeiter zu beziehen. Wenn sie permanent bejubeln, wie toll das Gründen an sich ist, werden ihre Angestellten irgendwann verunsichert statt inspiriert sein – weil das auch bedeuten kann, dass die Chefs sich auf eine neue Gründung stürzen wollen.

Bitner: Ich habe noch keine leidenschaftlichen Reden gehalten. Aber ich denke, dass unser Team auch so merkt, wie wir Gründer Einsatz zeigen und hinter unserer Sache stehen.

Jakob Bitner und Nicola Breugst:

Jakob Bitner, 30 Jahre alt, ist Geschäftsführer der VoltStorage GmbH. Das Unternehmen hat einen Energiespeicher für Privathaushalte entwickelt, mit dem tagsüber produzierte Solarenergie nachts genutzt werden kann. Das Gerät, das 2018 in Serie gehen soll, nutzt eine Batterietechnologie, die bislang nur im Industrie-Maßstab einsetzbar war. Bitner hat VoltStorage 2016 während seines Studiums „Management & Technology“ an der TUM aufgebaut, gemeinsam mit dem angehenden Wirtschaftsingenieur Michael Peither und dem Elektrotechnikstudenten Felix Kiefl.

Das Team wurde von der TUM Gründungsberatung unterstützt. Bei UnternehmerTUM, dem Zentrum für Gründung und Innovation, nahmen die Gründer an den Programmen „Kickstart“ und „Climate-KIC Accelerator“ teil und nutzten die Hightechwerkstatt „MakerSpace“.  

Darüber hinaus stellte die TUM dem Team ein Büro im „Inkubator“ zur Verfügung. Ein paar Räume weiter arbeitet Nicola Breugst, Professorin für Entrepreneurial Behavior. Die studierte Psychologin erforscht, welche Rolle das menschliche Verhalten bei Unternehmensgründungen spielt, beispielsweise die Gruppendynamik. Breugst und das VoltStorage-Team standen während der Gründung in engem Austausch. Auf diese Weise lernen Entrepreneurship-Wissenschaft und -Praxis an der TUM voneinander.

IKOM:

VoltStorage ist eines von 40 Unternehmen, das sich am 20. Juni bei der IKOM Start-up im Gebäude der Fakultäten Mathematik und Informatik präsentiert, darunter ein gutes Dutzend TUM-Ausgründungen.

Am 19. Juni beginnt die IKOM, die größte studentische Karrieremesse Deutschlands. Mehr als 300 Unternehmen bieten bis 22. Juni im Gebäude der Fakultät für Maschinenwesen Jobs, Praktika und Abschlussarbeiten an. Studierende können sich außerdem kostenlos zu ihren Bewerbungsunterlagen beraten und ein Bewerbungsfoto machen lassen. Zu Vorträgen kommen

  • Dr. Martin Brudermüller, stellv. Vorstandsvorsitzender BASF SE: 19.6., 11 Uhr
  • Dr. Andreas Nolte, CIO Allianz Deutschland AG: 21.6., 13 Uhr
  • Dr. Christian Bruch, Mitglied des Vorstands Linde AG: 22.6., 11 Uhr
  • Joachim Drees, Vorstandsvorsitzender MAN SE: 22.6., 14 Uhr

Die IKOM wird vollständig von Studierenden organisiert.

Mehr Informationen:

Corporate Communications Center

Technische Universität München Klaus Becker
klaus.becker(at)tum.de

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