Das Bild zeigt eine Tumorzelle beim Weg durch die Wand eines Blutgefäßes ins benachbarte Gewebe.
Eine Tumorzelle an der inneren Wand eines Blutgefäßes. Der markierte Bereich ist rechts vergrößert dargestellt. - Bild: Marco Prinz/Universität Freiburg
  • Forschung

Möglicher Therapieansatz gegen metastasierenden DarmkrebsTricksen und Täuschen: Wie Tumorzellen sich den Weg freimachen

90 Prozent aller Krebspatienten sterben heute nicht mehr am ursprünglichen Tumor, sondern an Metastasen. Diese entstehen, wenn Tumorzellen über die Blutbahn in andere Organe „auswandern“. Nun haben Wissenschaftler herausgefunden, mit welchem Trick die Tumorzellen aus den Blutgefäßen zurück ins Gewebe gelangen: Sie produzieren Signalproteine, mit denen sie die Arterienwände durchlässig machen – damit steht ihnen der Weg in ein anderes Organ offen. Diese Erkenntnisse wurden in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Cancer Cell veröffentlicht.

Was werden aus einzelnen Tumorzellen Metastasen? Einen entscheidenden Schritt in diesem Prozess haben Wissenschaftler vom Klinikum rechts der Isar der TU München und vom Helmholtz Zentrum München jetzt für das Beispiel Darmkrebs entdeckt. Sie haben herausgefunden, dass die Tumorzellen bestimmte Proteine aussenden, die sogenannten Chemokine. Im Fall der metastasierenden Kolonkarzinom-Zellen ist dies das Chemokin CCL2. Die CCL2-Chemokine docken an die Zellen der inneren Blutgefäßwände (Endothelzellen) an und aktivieren den entsprechenden Rezeptor (CCR2-Rezeptor). Dadurch ziehen sich die Endothelzellen zusammen – und die Tumorzellen können durch die Gefäßwand schlüpfen.

Professor Mathias Heikenwälder vom Institut für Virologie an der TUM erklärt, dass die Tumorzellen eine Art Täuschungsmanöver nutzen: „Die Tumorzellen überrumpeln die Endothelzelle mit einem Signal, das eigentlich von gesunden Zellen verwendet wird.“ Bisher hat die Forschung sich vor allem auf Fresszellen, die sogenannten Makrophagen konzentriert, die von den Chemokinen der Tumore angelockt werden. „Mit der Rolle von Chemokin-Rezeptoren auf Endothelzellen haben wir eine ganz neuen Ansatz für mögliche Krebs-Therapien gefunden“, sagt Heikenwälder.

„Eine Messung der Chemokin-Menge lässt möglicherweise direkte Schlüsse zu, wie wahrscheinlich ein Primärtumor in andere Organe des Patienten streuen wird und ermöglicht so vielleicht die Vorhersage des Metastasierungsrisikos,“ fährt Heikenwälder fort. „Außerdem ist die Blockierung des Chemokin-Rezeptors CCR2 auf den Endothelzellen ein neuer Ansatz, um sowohl vor als auch nach einer Operation eine Metastasierung zu verhindern.“

Als Modell dienten den Wissenschaftlern Darmkrebsgewebe sowie Darmkrebs-Zelllinien von Mäusen und Menschen. Die Forscher wollen nun ihre Erkenntnisse noch weiter vertiefen und die Übertragbarkeit des neuen Konzepts auf andere Krebsarten prüfen.

Original-Publikation:
Monika Wolf et al., 2012. Endothelial CCR2 signaling induced by colon carcinoma cells enables extravasation via the JAK2-Stat5 and p38MAPK pathway, Cancer Cell, 07/2012.

Bild:http://mediatum.ub.tum.de/node?id=1110306

Kontakt:
Prof. Dr. Mathias Heikenwälder
Institut für Virologie
Technische Universität München
Tel: +49.89.4140-7440
E-Mail: heikenwaelder(at)virologie.med.tum.de

Technische Universität München

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