• 2.10.2023
  • Lesezeit: 2 Min.

Ausstellung „Das Kranke(n)haus. Wie Architektur heilen hilft“: die Kuratorinnen im Interview

„Architektur kann Stress reduzieren“

Die Ausstellung „Das Kranke(n)haus: Wie Architektur heilen hilft“ im Architekturmuseum der TUM zeigt eine internationale Auswahl von immer noch seltenen Klinik-Gebäuden, die die Heilung unterstützen. Die Präsentation an wissenschaftlichen Erkenntnissen aus der Architekturpsychologie will Veränderung stimulieren und mit mehreren Sinnen fordern. Die Kuratorinnen im Interview.

Kinder spielen Ewout Huibers
Neue Krankenhausarchitektur am Beispiel des Princess Máxima Center for Pediatric Oncology in Utrecht in den Niederlanden.
„Eine Architektur, die hilft zu heilen, gibt nicht der Krankheit, sondern den Kranken Raum.“ So steht es im Ausstellungskatalog. Was haben Ihre ausgewählten Projekte gemein?

Tanja C. Vollmer: In diesen Krankenhäusern lassen sich „die Heilenden Sieben“ finden. Zu diesen wissenschaftlichen Kriterien gehören Orientierung, Geruchskulisse, Geräuschkulisse, Aus- und Weitsicht, Rückzug und Privatheit, Power Points, das menschliche Maß – und all diese Variablen versuchen wir beim Besuch auch räumlich erfahrbar zu machen.

Lisa Luksch: Wir gliedern die Ausstellung anhand dieser Kriterien und haben 13 Kliniken genau danach untersucht.

Woher weiß man, dass diese sieben Variablen helfen zu heilen?

Vollmer: Meine Forschungsgruppe hat 2010 über mehrere Jahre eine Studie in den Niederlanden durchgeführt: an über 300 Patient:innen und 100 Paaren, von denen ein Teil krank und einer gesund war. Wir haben diese Menschen während ihrer kompletten Behandlung begleitet und die Verbindung ihrer Raumwahrnehmung – und diese verändert sich bei schwer erkrankten Menschen signifikant – mit dem Stresserleben untersucht. Ihr Stress nahm etwa immer dann zu, wenn das Gefühl von Dunkelheit und Enge verstärkt war. Das bedeutet, Architektur kann Stress steigern oder reduzieren. Und wenn Stress reduziert wird, werden Schmerzen weniger, der Medikamentenverbrauch geringer, die Liegezeiten kürzer. All das wirkt sich positiv auf den Heilungsprozess aus.

Wie spüre ich denn diese veränderte Wahrnehmung in der Ausstellung?

Luksch: Mit die größte Herausforderung war: Wie vermitteln wir auch Lai:innen diese riesigen Architekturen? Beim Hineinversetzen werden optisch große Wimmelbilder helfen, und auch die anderen Sinne: Die norwegische Geruchsforscherin Sissel Tolaas zum Beispiel experimentiert für uns mit „healing smells“.

Vollmer: Das, was Architekt:innen tun und verstehen müssen, wird nur gelingen, wenn sie der Krankheit ins Auge schauen, und sich selbst als kranker Mensch spiegeln. Und genau dieses Verstehen gelingt hoffentlich gleich beim Betreten der Ausstellung – Lai:innen wie Fachleuten. Meine Forschungspartnerin Gemma Koppen und ich haben während unserer jeweiligen Gastprofessur an der TUM mit internationalen Masterstudierenden eine Entwurfslehre entwickelt, das „Münchner Lehrmodell“. Das Interesse an einem psychologisch unterlegten Entwerfen war und ist riesig. Wir können uns vor Anfragen in den Architekt:innenkammern nicht retten.

Mehr über die Kurator:innen

Prof. Tanja C. Vollmer vertritt seit 2016 das Gebiet der Architekturpsychologie und des gesunden Bauens in Deutschland wissenschaftlich, zunächst an der Technischen Universität Berlin, seit 2019 als Gastprofessorin an der TUM. Als führende Architekturpsychologin ist sie Vorsitzende zahlreicher Fachgremien in Deutschland, darunter das Scientific Consortium for Architecture and Global Health an der TUM.

Lisa Luksch studierte Architektur an der TUM. Heute ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Architekturgeschichte und kuratorische Praxis von Prof. Andres Lepik, Leiter des Architekturmuseums der TUM. Mit ihm und Tanja C. Vollmer kuratierte sie die Ausstellung „Das Kranke(n)haus“.

Ausstellung „Das Kranke(n)haus“

Ausstellung „Das Kranke(n)haus: Wie Architektur heilen hilft“

Wo: im Architekturmuseum der TUM in der Pinakothek der Moderne

Laufzeit: 12. Juli 2023 – 7. Januar 2024

Die Ausstellung wird großzügig gefördert von: PIN. Freunde der Pinakothek der Moderne, Allianz, DJE Kapital AG, Wüstenrot Stiftung, Freundeskreis Architekturmuseum TUM, Gesellschaft für angewandte Psychologie in Architektur und Onkologie e.V., Christine und Hans Nickl Foundation.

Schirmherr der Ausstellung ist Bundesgesundheitsminister Prof. Karl Lauterbach.

Veranstaltungen zur Ausstellung
Werksvortrag im Dialog: Building for sick children

Donnerstag, 05.10.23, 18:00–19:30 Uhr

Für den „Werksvortrag im Dialog“ laden je zwei Architekt:innen ein, ihr Projekt – das in der Ausstellung gezeigt wird – kurz vorzustellen und dann mit dem jeweils anderen und den Besucher:innen in den Dialog über Planungsansätze, -prozesse und -hürden zu treten. Außerdem erfolgt ein Gespräch über die Bauaufgabe „Kinderklinik“ mit Thomas Bögl (LIAG architekten + baumanagement; Prinzessin Máxima Zentrum für pädiatrische Onkologie in Utrecht) und Stig Gothelf (3XN; Mary Elizabeths Hospital in Kopenhagen).

Veranstaltung in englischer Sprache; keine Voranmeldung erforderlich

Rendevous: Bauworkshop mit Führung für Kinder und Erwachsene

Samstag, 07.10.2023, 10:00–12:30 Uhr

Workshops mit der Architektin Enrica Ferrucci (ichbaumit)

Heilende Architektur kann helfen, Menschen schneller gesund zu machen. Das ist für die Kranken gut genauso wie für ihre Familien und auch für Ärzt:innen und Pflegekräfte. In der Ausstellung wird betrachtet, wie besonders gelungene Krankenhäuser aussehen und mit welchen Hilfsmitteln sie geplant werden. Hineinkommen, Hinaussehen, den Weg finden, zur Ruhe kommen, laut Toben und Spielen, sich Treffen oder für sich Sein - vieles spielt dabei eine Rolle. Damit geht es dann im Bauworkshop selber ans Werk. Hier werden selbst Raumodelle der ganz besonderen Art gestaltet.

Für Kinder ab 8 Jahren in Begleitung eines Erwachsenen ihrer Wahl

Anmeldung erforderlich unter anmeldungspam prevention@architekturmusem.de

Lesung: Patient Krankenhaus

Samstag, 07.10.23, 16:00–17:30 Uhr

Der Autor und Arzt Jonas Niemann liest aus seinem 2018 erschienen Roman „Patient Krankenhaus – Doktor Faber hat Dienst“. Niemann arbeitet seit 2010 selbstständig in einer hausärztlichen Gemeinschaftspraxis in Niedersachsen, zuvor war er in mehreren deutschen Kliniken in den Bereichen Innere Medizin und Chirurgie tätig. Für den Katalog zur Ausstellung „Das Kranke(n)haus. Wie Architektur heilen hilft“ verfasste Niemann eine „Bestandsaufnahme“ des „Kranken Hauses“.

Keine Voranmeldung erforderlich

Gesprächsrunde: Architektinnen in der Krankenhausplanung

Donnerstag, 19.10.23, 18:00–19:30 Uhr

Einige der bis heute vielzitierten Leuchtturm-Projekte heilender Architektur sind unter der (Projekt-)Leitung weiblicher Büropartner:innen, Architekt:innen und Wissenschaftler:innen entstanden, wichtige Beiträge zur Theorie des Feldes stammen von Frauen. Der Krankenhausbau gilt traditionell als sehr technisch, die meisten planenden Büros sind hochspezialisiert. Deshalb sind eine Reihe von Frauen aus der Theorie und Praxis des Krankenhausbaus eingeladen, über ihre Erfahrungen und Motivation zu sprechen und darüber, was sie sich für die Zukunft der Disziplin wünschen. Es sprechen Monika Purschke (Albert Wimmer ZT GmbH; Kinder- und Jugendklinik Freiburg), Petra Wörner (wörner traxler richter) und Julia Kirch (sander.hofrichter architekten); Moderation: Tanja C. Vollmer (Co-Kuratorin und Kopvol architecture & psychology). 

Keine Voranmeldung erforderlich

 

Technische Universität München

Corporate Communications Center

Aktuelles zum Thema

HSTS